#StadtkindamLand

Einmal im Jahr packen Oma und Opa das Auto mit ihrem halben Hausrat voll, fahren bei den Nicht-Transdanubiern vorbei und entführen die Lady (zum Zeitpunkt dieser Geschichte gerade vier Jahre alt geworden), den kleinen Lord (Kleinkind, noch nicht zwei) und mich in ein “Urlaubszuhause”. “Urlaubszuhause” (Plural) findet man in der Regel irgendwo süd/süd-westlich von Wien, maximal eine iPad-Akku-Entladungsdauer weit entfernt. Ihren Namen brauchen sie für die Unterscheidung zwischen dem echten und dem falschen Zuhause, denn es droht der emotionale Supergau, wenn man seine sieben Sachen am See zusammenpackt und sagt: “So, wir fahren jetzt nach Hause”, wenn man in Wahrheit nur das gebuchte Ferienapartment ansteuert.

Die Drei-Generationen-Truppe ist zum wiederholten Male hier, an einem Ort, dessen Name ich im Laufe des Jahres wieder vergesse, in einem Haus, an dessen Mauer ein Schild hängt: Gegend 42. Genauso fühlt es sich an. Fast wie auf einem anderen Stern. Die Abfahrt von der Straße, die an drei Bauernhöfen vorbei auf einen Hügel führt, erkennt man an keinem Straßenschild. Der Autolenker muss immer hoffen, dass die Mitfahrer das Stromhütterl, das auf der Höhe der Ausfahrt völlig allein auf weiter Flur steht, sehen und rechtzeitig “Da!” rufen, damit er noch rasch das Lenkrad herumreißen und in die steile Kurve, den Hügel hinunter, in die Einfahrtsschneise fahren kann. Mehr als einmal sah ich uns schon vor meinem geistigen Auge im abschüssigen Straßengraben und habe mir überlegt, wer uns wann und wie … ach, lassen wir das.

Die Landluft macht mit einem #StadtkindamLand Abenteuerliches! Da haben schlaue Kinder, die den Ampelmännchenwalk imitieren und im Kindergartenalter die Wartezeit an der digitalen Anzeige bei der Bim-Haltestelle ablesen können, die wissen wie der Eiffelturm aussieht und in welcher Stadt er steht, plötzlich riesige Fragezeichen über den Köpfen.

Ein Tag mit den Großstädtern

Die Handyuhr zeigt 6 Uhr 50 und 84 Zentimeter Mensch klettern über mich. Noch könnte ich überall auf der Welt sein. Wären wir in Wien, käme jetzt in alarmierendem Dauerton “Mils, Mils, Mils”, doch hier wird das Bett mit nervenermattendem “Kuh, Kuh, Kuh, Kuh” evakuiert. Wenn der kleine Lord wüsste, wie wichtig die Kuh, Kuh, Kuh, Kuh für seine Mils, Mils, Mils – MILCH – ist … doch von diesem Aha-Erlebnis sind wir noch Lichtjahre entfernt. Für uns Stadtkinder kommt die Milch ausschließlich in pasteurisierter 3,6%-Fett-Version aus dem Kühlregal.

Das Frühstückzeremoniell beginnt damit, dass Opa um 7 Uhr 20 vorschlägt, Semmeln zu holen. Wir warten. Zuerst vergeht eine halbe Stunde, dann eine ganze, schließlich beginnen die Kinder an allem zu knabbern, was als Frühstück durchgeht. Um 8 Uhr 45 kehrt der Verschwundengeglaubte zurück und erzählt, dass dort, wo letztes Jahr noch Ziegen grasten, heuer Gänse wohnen. Die hätten den Zaun überwunden und seien in einer laut schnatternden Schar auf der Straße gestanden, sodass er zuerst gar nicht passieren konnte, ihm später aber über ein Querfeldein-Manöver die Flucht gelang. Die Lady lauscht den Ausführungen ihres Großvaters genau, bis sie schließlich kopfschüttelnd feststellt: “Opa, du muss die Gänse wegheben und zur Kuh in den Stall schmeißen.”

In der letzten Nacht haben sich die Himmelsschleusen einmal komplett geöffnet. In der Morgenluft hängt der Geruch von nassem, frisch geschnittenem Gras und einer Art von Kälte, die ich nur vom Land kenne und deren Erinnerung mich dazu veranlasst, gewisse Stücke aus meinem Wiener Kleiderkasten nicht auszusortieren. Die braucht zwar 358 Tage im Jahr kein Mensch, aber die restlichen sieben, halte ich mich darin für ein als Einheimischer getarntes #StadtkindamLand. In der Früh gönnen wir uns also einen Spaziergang, der uns zuerst über eine gepflasterte Straße und ein Stück über einen Waldweg führt. Der Buggy, der für das einzuschläfernde Kind mit musste, steckt nun im Schlamm fest. Die Lady steht seelenruhig hinten oben auf den Verstrebungen des Buggys, während ich mit Schwung und vollem Körpereinsatz versuche, uns wieder aus der braunen Pampe herauszubugsieren und kommentiert meine Bemühungen mit: “Mama, wer hat den
Gatsch da hingestreut?” Nun habe ich es endlich geschafft, da springt sie von der bequemen Kutsche ab und läuft in den Wald.
Oma: “Was suchst du?”
Die Lady: “Moos.”
Oma: “Wofür brauchst du das?”
Lady: “Die Krippe.”
Oma zeigt auf einen leicht bemoosten Baumstamm: “Hier ist Moos.”
Ich: “Nein, wir brauchen so einen richtigen Moospolster, den man leicht im Ganzen ablösen kann.”
Lady: “Ja, einen Moospolster und eine Moosdecke. Brauchst du auch eine Decke?”

Auf der anderen Seite des Waldes angekommen, sehen wir die wunderbare Weite der Wiesen, da und dort einen Hof, und ich beginne, vor lauter Verzückung Blumen zu pflücken. Ich bekenne: Ich habe zu oft Sissi geschaut. Teil 3: Die Szene mit der Blumenwiese in Bad Ischl … der Blumenstrauß hat es mir angetan und als ich im Begriff bin, die Größe des cineastischen Straußes zu übertrumpfen, höre ich die mahnende Stimme einer Vierjährigen hinter mir, die sagt: “Mama, reiß nicht alle Blumen aus. Die Bienen brauchen auch noch welche!”

Ein paar hundert Meter weiter sehe ich einen Haselnussstrauch und pflücke eine Nuss in pastelligem Grün. Wohl wissend, dass die noch nicht reif ist, ist es doch auch das #StandkindamLand in mir, das gar nicht anders kann, als das Pseudowissen über die wenigen Pflanzen, die es erkennt, an die nächste Generation weiterzugeben. Ganz nach dem Motto: Der Moment, in dem wir herausfinden, dass unsere Eltern nicht alles wissen, ist der Beginn des Erwachsenseins. Die Haselnuss hat also Symbolcharakter. Zehn Minuten Kindheit extra für die kleine Lady. “Schau mal eine Haselnuss.” Sie rümpft die Nase, zieht den Kopf weg von der Nuss, die ich ihr vor die Augen halte und meint: “Die mag ich nicht. Nur im Müsli.”

Seit wir dem ersten Einheimischen begegnet sind, ist meine Tarnung aufgeflogen. Entscheidend ist nämlich nicht die modische Anpassung, bei der ich mich auch vergriffen habe, sondern die sprachliche Integration – hätte ich wissen sollen – und weil ich nicht “Griaß di”, sondern “Grüß Gott” und dann zum zweiten Kerl auch noch “Hallo” gesagt habe, ist klar, dass ich als Spion nichts tauge. Das war wie in der Szene von Inglourious Basterds, in der Michael Fassbender die Zahl Drei mit den falschen drei Fingern zeigt. Aber wie meine Freundin Taylor Swift schon singt: “Shake it off” oder, um es in den Worten von Queen zu sagen, “Show must go on”!

Ein relativ neues Spiel im Hause Fischer ist es, in Kängurusätzen von einem markanten Punkt zum nächsten zu hüpfen. In Wien ist das einfach. Da springt es sich herrlich von einem Kanaldeckel über die Teerlinie fünfzig Zentimeter weiter und hin zum Anfang des Kopfsteinpflasters, dann zum dubiosen Fleck am Trottoir und noch einen kurzen Hopser bis zur Stange mit Mistkübel (Abfalleimer) und Hunde-Gackerl-Sackerl-Spender. Im idyllischen Urlaubsdörflein ist das anders, hier gibt es diese vertrauten Markierungen nicht. Also beschließt die kleine Lady, die sich gerade ihrer Schuhe entledigt hat, von der Wiese etwa eineinhalb Meter über den Schotterweg zu springen – mit meiner Hand als Flughilfe. Auf der anderen Seite warten Betonplatten – theoretisch, denn dort liegen natürlich ebenfalls noch vereinzelt Schottersteine. Sie hebt zum Flug an, landet, tritt von einem Fuß auf den anderen: “Au, au. Das ist soooo peinlich!” Interessant, was man mit vier Jahren peinlich findet.

Den Nachmittag verbringen wir in einem Märchenpark für Kinder. So etwas kennt man als Großstadtbewohner auch. Nur das Zuckerlgeschäft beim Ausgang ist absolutes Neuland. Lauter Bottiche mit Gummibärchen und klebrigem Allerlei, das mit einer kleinen Schaufel in die raschelnde Spitztüte befördert werden darf und weil wir nun mal auf Urlaub sind, lasse ich es einfach geschehen. Große Cola Kracher hat sie sich ausgesucht, zwei Gummi-Kirschen, Schwammerl und Frösche. “Gute Wahl”, denke ich und als wir im Auto sitzen, beginnt die große Sackerl-Plünderung.
“Gibst du mir einen Cola Kracher, bitte?”, frage ich.
“Welche sind das?“
“Die großen braunen Rollen”, deute ich in Richtung des Sackerls.
Erschrocken starrt sie mich an: “Ist da echtes Cola drinnen? Das DARF man nicht! Das ist giftiger Alkohol”, und sortiert prompt alle aus.

Am Abend lege ich die Kinder hin. Der kleine Lord ist schon im Traumland als die Lady noch Umgebungsanpassungsschwierigkeiten hat.
“Es ist soooo heiß”, seufzt sie.
“Möchtest du ein kurzärmliges Leiberl anziehen?”
“Ja”, seufzt sie abermals, begleitet von einem dramatischen Augenaufschlag und schlüpft aus dem Pyjamaoberteil. Der Arm findet aber nicht den richtigen Ausgang und so steht sie vor mir, mit dem Kopf und dem linken Arm aus dem Halsausschnitt schauend, und verzieht die Mundwinkel zu kleinen Grübchen, sodass sich die Nase kräuselt und die Stirn runzelt: “Das ist so peinlich!”

Unruhig wirft sie sich ein paar Mal hin und her, wirft mir dann einen besorgten Blick zu: “Ich bin so müde. Das waren die Alkoholzuckerl. Die mag ich nicht mehr.”
“Du hast keine Alkoholzuckerl gegessen.”
“Doch, die Cola Kracher und jetzt bin ich ganz müde.”
Dann schaut sie aus dem Fenster und beobachtet die Nachbarn, die gerade herzförmige Heliumballons im Kofferraum ihres Autos verstauen und fragt zögerlich: “Mama, gibt es hier Aliens?”
“Ja”, denke ich still bei mir, “uns!”

 

Hier geht es zu Teil 2.

Titelbild (Esel): Foto: pixabay, AnnaER | Bearbeitung: Veronika Fischer

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