#StadtkindamLand Teil 2

Die unerwartete Fortsetzung von Teil 1.

Irgendwann zwischen dem letzten Blog und heute, sind die Tage zu einem einzigen Zeitklumpen verschmolzen.  Ob das, was ich nun erzähle, an einem oder mehreren Tagen passiert ist, lässt sich nicht mehr genau sagen. Vermutlich spielt es auch keine Rolle.

Unsere täglichen Ausflüge führen uns in die Waldstücke, die das Quartier im Norden, Süden und Westen umgeben. Die Lady hat sich in der vergangenen Woche so etwas wie einen #StadtkindamLand-Instinkt zugelegt. In den Wald im Norden will sie nicht. Das ist der Brennnesselwald. Der im Süden ist interessant. Das ist der Heidelbeerwald. Und der im Westen reizt sie zwar, weil es Moos gibt, aber „dort regnet es immer“. Immer, also das eine Mal, als wir dort waren, wurden wir vom Regen überrascht. Ihr etwas über die Gemeinsamkeiten von Wäldern in Österreich erklären zu wollen, führt in eine Sackgasse. Es ist wie ein Echo, das leise und ohne Antwort im Nichts verhallt. Mit Müh und Not konnte ich sie davon überzeugen, dass sich ein Ausflug in den nördlichen Wald – der Weg dorthin ist einfach der schönste – für unser Krippenmoos auszahlen könnte.
„Mama, haben wir eine Gießkanne?“
„Nein. Möchtest ein Küberl haben?“
„Ja, bitte.“
„Aber wir gehen jetzt in den Wald, jetzt gießen wir nicht mehr die Blumen, das können wir später machen.“
„Ich weiß. Ich brauch nur ein Wasser, wenn die Brennnesseln zu brennen anfangen. Dann kann ich’s vielleicht löschen.“

Auf dem Weg bleibt sie wie angewurzelt stehen, hält die Handfläche nach oben, streckt den Arm aus und sieht mich fragend an.
Ich: „Was denn?“
Die Lady: „Da!“
Mein Blick folgt ihrer ausgestreckten Handfläche. Da ist nichts. Wiese, ein Strommast, eine fünf Meter hohe Blaufichte.
Ich: „Was ist da?“
Die Lady: „Hast du schon einen Christbaum? Vielleicht könnten wir den mitnehmen?!“
Ich: „Bis Weihnachten dauert’s aber noch lang. Wo sollen wir den hinstellen? Blaufichten stechen.“
Später überdenke ich meine Antwort und mit meinem Bekenntnis an die Lesenden, versuche ich nun mein Gewissen reinzuwaschen. Die pädagogisch korrekte Antwort hätte lauten müssen: „Man darf keine Bäume umschneiden. Das darf nur der Förster.“

Der Rückweg führt uns wieder einmal am Kuhstall des Nachbarhofes vorbei. Der kleine Lord hat seinen Wortschatz diese Woche unter anderem um das Wort „ginx“ (stinkt) erweitert. „Kuh ginx“, sagt er und deutet auf den Stallmist. Seine Worte oder unser Getrampel haben einen Schwarm von Schwalben im Stall aufgeschreckt, die wild flatternd im Tiefflug über die Wiese schießen.
Ich: „Schau mal, das sind Schwalben.“
Die Lady: „Qualben? Wohnen die auch im Stall?“
Ihrer Verwunderung zufolge ist davon auszugehen, dass sie Qualben für eine Art von Quallen hält. Ich konnte das Missverständnis klären.

Heute hat der Bauer seinen Kühen noch kein frisches Gras gebracht. Sonst fährt er von sechs Uhr Früh bis elf am Abend im Fünf-Minuten-Takt am Ferienhaus vorbei und präsentiert unserem jüngsten Urlauber die ganze Palette seiner Landmaschinen. Fahrzeugaufsätze, die wir nur aus Wieso?-Weshalb?-Warum?-Büchern kennen. Ich selbst habe, obwohl es bei Gott nicht mein erster Österreich-Urlaub ist, zum ersten Mal eine Heuballenpresse live in action gesehen. Und dann kam der Bauer mit einem Traktor, der so etwas wie eine riesige Grillzange vorne hatte und die Heuballen durch die Gegend zerrte. Ein Spektakel. Viel besser als die Müllautos der MA48 in Wien. Heute ist es still am Hof und wir finden den Bauern unter seinem Traktor-Rasenmäheraufsatz (ich nenne das jetzt mal zum besseren Verständnis so, außerdem habe ich den Bauernhof-Duden nicht zur Hand). Nur die Beine schauen heraus. Eigentlich sieht es so aus, als wäre das Ding gerade dabei, ihn zu verschlingen, es hat um den rechteckigen Metallrahmen einen Plastikschurz, der verbirgt, was darunter passiert und ähnelt dem Maul eines Blauwals, dem die Fransen vor der Schnauze hängen. Jedenfalls beschließen wir, dass wir einfach selbst Grasbüschel ausrupfen, um die Kühe zu füttern.
Oma pflückt Löwenzahn.
Opa: „Nicht! Wer weiß, ob die das fressen?“
Oma: „Glaubst‘ die studieren Botanik, bevor sie auf die Weide gehen?“
Opa wird sich seiner Aussage gewahr und behauptet, er hätte ja nur die Wurzeln der Löwenzähne gemeint, die der lockere Erdboden mit den Blättern mitgeliefert hat. Der Bauer soll nicht denken, dass wir seinen Tieren Wurzeln füttern, also wirft der Opa das Wurzelwerk in hohem Bogen in die Wiese. Unserem Ruf als nicht ganz so einfältigen Stadtkindern am Land zuliebe. Als ob das jetzt noch einen Unterschied machen würde.

Über sprachliche Barrieren mit den Einheimischen habe ich im ersten Teil bereits berichtet, aber es kommt noch schlimmer. Mein Neffe, der vor einigen Jahren mit seinen Eltern hier her zog, hat sich mittlerweile sprachlich integriert – muss man ja für den Kindergarten-Talk – jetzt verstehe ich ihn nur nicht mehr. „Mama, schau a Oifassl!“ Was könnte er meinen? Ein Oachkatzl? Ein ‚Oi‘ as in ‚Ölfass‘? Ein ein ‚Oi‘ as in ’stummes H und eu Heufass‘? Ein ‚Oi‘ as in ‚Allfass‘? Hat das doch etwas mit Aliens zu tun oder damit, dass da ‚ois‘ as in ‚alles‘ hineinkommt? Man weiß es nicht. Ich habe mich umgehört. „Das heißt halt so.“ Woher das kommt, kann mir keiner sagen. Inhaltlich kann meine Schwägerin vermitteln: Gemeint ist ein Gülle-/Jauchebehälter. Wahrscheinlich ist es das OijetztspritztderschowiedadesgrauslicheZeugFassl.

Im Freibad gibt es einiges zu sehen und zu erleben: Bauchschnitzel und Schnitzelbauch, Banana Split und Banana Slip, Zitroneneis und Orangenhaut, Hochschwangere und Niederträchtige. Wir sind Badewannentemperaturen gewöhnt, die unsere Haut rot wie einen Lobster-Panzer im Kochtopf färben, dennoch haben wir es geschafft, in den 23 Grad kalten See zu gehen. Ich kann kaum in Worte fassen, welches Glückseligkeitsgefühl mich durchflutet, dass ich mittlerweile 170 cm messe und nur knapp bis übers Knie nass werde, wenn die kleinen Menschen sich, ohne hinauszuschwimmen, ausreichend umspült fühlen. Die Lady hat sich aber ein neues Spiel ausgedacht: „Ich gehe am Steg bis vorne zur Leiter und du holst mich dann mit dem Boot ab und bringst mich zum Ufer.“ Jesper Juul und „Kinder müssen sich auch mal fadisieren“-Ideen sind zwar sehr hübsch, das funktioniert im Urlaub aber nicht wahnsinnig gut. Im Urlaub versklave ich mich (noch mehr als sonst) und beuge mich den Einfällen von Menschen mit Kleidergröße unter 110. Wir spielen das Boot-Spiel etwa eine dreiviertel Stunde lang, da beginnen die anwesenden „großen Mädchen“ vom Steg zu springen. Das muss man sich aus der Nähe ansehen, weil in Wien ja, überall wo wir hingehen, „Randsprünge verboten“ sind. Ich stehe also im trüben Wasser, da streift mich etwas an der Wade. Der Schrei aus Psycho, gefolgt von einem Dreiklang à la Sch*…, Sch*…, Sch*…, lenkt die Aufmerksamkeit einiger Badegäste auf mich. Die Eltern und Großeltern, die im seichten Wasser ihre Brut bespaßen, sind pikiert ob meiner Wortwahl, aber Entschuldigung, die wurden auch nicht von einem Raubfisch in der Größe von … zehn Zentimetern niedergeschwommen. Mit weit aufgerissenen Augen, schaut mich die Lady an: „Mama, was ist?“
„Ach, nur ein Fischlein. Das hat mich ein bisschen erschreckt.“
„Was hat der Fisch gemacht?“
„Mir Bussis gegeben, aber du weißt ja, wie schreckhaft ich bin.“
Schwupp, schon klappt sie die Füße ein, sodass sie das Wasser nicht mehr berührt und zieht an meinem Oberarm „Wir wollen keine Bussis, komm, gehen wir Sandspielen.“

Da buddeln und graben wir also, finden zwei Euro und 36 Cent, stellen ein Schloss auf, heben Gräben aus, füllen sie mit Wasser und fühlen uns fast wie an der Adria – nur das man dort nicht nach sieben Zentimetern auf Beton stößt – da schnauft auf einmal jemand auf einer Liege in Hörweite. Schicker Strohhut, Fliegerbrille mit verspiegelten Gläsern, fescher Bikini, vor ihren Füßen ein nordisch aussehendes Kind, mit auffallend stylischer Frisur. In Wien würde sie noch einen Stokke-Kinderwagen vor sich herschieben. Man muss nicht zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass sie hochschwanger ist. Sie sitzt, die Arme hinter dem Rücken auf die Liege gestützt, die Füße im Sand und den Bauch weitest möglich der Sonne entgegengestreckt, gerade noch ganz unauffällig da, da beginnt sie im nächsten Moment in Richtung Bauch zu wettern: „Mia isso vafluacht hoaß. Wonn des nua endlich außa kämat.“ Ich schaue mich verstohlen um, ob sie ihren Grant in irgendeine bestimmte Richtung schmettert, da meckert sie schon munter weiter: „Des Easte woa jo geplant, owa jetz samma bei Numma vier. I dua nix. I lieg nua zaus und gib es Göd vu mei Monn oos, wö dea eeeh nia zaus is.“ Gut, auch für das-gesamte-Freibad-miteinbeziehende, therapeutische Sitzungen ist hier am Land Platz. Ich füge mich. Man sagt ja, dass es mit der Geburt meist dann losgeht, wenn die Mutter ihren emotionalen Tiefpunkt erreicht hat. Vier Tage später sehe ich sie wieder. Unter 250 Badegästen ist sie mit ihrem Wassermelonenbauch leicht zu identifizieren. Wenn das am Sonntag noch nicht ihr Tiefpunkt war, dann kann ich mir schon vorstellen, warum ihr Mann „eeeh nia zaus is“ – zumindest solange Preggozilla dort haust.

Ab 14 Uhr 30 werde ich unruhig. Mein Handyakku ist leer. Liegt es daran, dass ich den Urlaub nur via Handykamera festhalten kann, weil ich den Fotoapparat zu Hause liegen gelassen habe oder daran, dass das iPhone sich unentwegt bemüht, genügend Empfang zu haben, damit wir den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren? Man weiß es nicht. Der Saft reicht aber kaum bis über Mittag. Ab zwölf Uhr darf man nur mehr das Nötigste machen.
20%. Den Kerl auf der Liegewiese fotografieren, der sich den Badeslip zu den Oberschenkeln runtergezogen hat, während er in Bauchlage seinen Rücken bräunt und über den sich Opa ganz fürchterlich mokiert.
10%. Schnell noch ein Lebenszeichen absetzen – Twitter, Facebook, SMS … egal. Irgendwas.
Sense. Gehen wir Eis holen. Schließlich haben wir heute schon zwei Euro und 36 Cent gefunden, um das Geld bekommt man schon fast drei Jollys oder zwei Plattfüße oder ein Cornetto. Das „Fußeis“ will die Lady nicht. So eines habe ich ihr in Wien gekauft, da war es aber angetaut und ist vor dem Geschäft auf den Gehsteig geklatscht – sie ist sich sicher: das passiert wieder. Also lieber ein Cornetto. Frage am Rande: Weiß irgendjemand, welchen Lichtschutzfaktor Schokoladeeis auf Kinderbäuchen hat? Als wir zum Liegeplatz zurückkommen, ist der Sonnenanbeter mit seiner Banana Hammock verschwunden. Wurde sicherlich hinauskomplimentiert – Mist, die Action verpasst. Wir gehen noch einmal ins Wasser. Meine Schwägerin will mein Stadtkind in die salzburger-oberösterreichische Grenzfauna einführen und sagt: „Dort drüben im Schilf wohnen Wasserschlangen.“
„Lebendige?“, fragt die Lady. „So wie im Zoo?“, und zeigt mit den kleinen Händen einen Durchmesser von 20 Zentimetern. Wir kennen halt nur die drei Grünen Anacondas aus Schönbrunn. Ich unterdrücke den Brechreiz und bringe die Lüge: „Ja, die sind aber nur so klein wie Regenwürmer“, heraus. Ich weiß es nicht, aber zur Sicherheit begebe ich mich in die Nähe des Ufers und wie ich so über den moorigen Seeboden wate, steigt mein Fuß, den ich in der braun-grünen Suppe nur erahnen kann, auf einen glitschigen, glatten Stein, der die Größe eines Anacondaschädels hat. Den Rest kann man sich denken.

Mein Handy sagt, dass heute Samstag ist. Wir fahren heim. Den letzten Rest meines 3GB-Datenpaketes nutze ich, um diesen Funkspruch abzusetzen. Mit 130km/h nähern wir uns Wien. Im Auto ist eine Fliege. Ich hoffe, sie bekommt keinen Kulturschock, wenn sie in der Großstadt ankommt und statt Kuhmist nur Hundehaufen findet.

 

Titelbild: pixabay, AnnaER | Bearbeitung: Veronika Fischer

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