Die Putzfrau kommt! Räum schnell auf!

„My house was clean last week … sorry you missed it!“ – ich liebe dieses Schild, das über der Wohnzimmertüre einer Freundin hängt. Ich mag den Gedanken, die Wohnung so lassen zu können, wie sie ist, und zu den drei Kisten hier und dem Kabelsalat da in einer souveränen Art zu stehen.
Und weil mir das Schild bei K. ein so gutes Vorbild gibt, nehme ich es in puncto „es immer so sauber haben, dass man mit den Gästen vom Boden essen könnte“ auch relativ entspannt. Meistens jedenfalls. Es gibt nämlich zwei Methoden, die mich todsicher zum pedantischen Aufräumen und Putzen zu bringen:

1.: Mich ärgern! Piss me off and I’ll clean like there’s no tomorrow. Und für ganz viele Sachen gibt es dann auch kein Morgen mehr, denn da wird radikal weggeschmissen und geCift, dass die Silikonfuge der Küchenplatte weggeätzt wird. Das Problem mit dem Ärgerputzen ist, dass davon der Wischmopstab kaputtgegangen ist.

 

2.: Sag mir, dass die Putzfrau kommt!

Man muss wissen, dass ich weiß, dass Sami mir eigentlich etwas total Gutes tun wollte, als er letztens zu mir sagte: „Wir haben beide viel zu tun. Holen wir uns doch gelegentlich jemanden, der da und dort putzt.“ An normalen Tagen weiß ich auch, dass er weiß, dass ich kontinuierlich für Ordnung sorge. Nur eben nicht überall gleichzeitig. Ich finde das äußerst charmant und authentisch.
Wenn ich das Gefühl habe, dass er es vergessen haben könnte, hole ich den Besen und kehre einen Bröselhaufen zusammen, über den ich dann schützend den Besen an die Wand lehne – damit kein Kind meine Arbeit zunichtemacht bis Sami heimkommt, den Haufen entdeckt und den Rückschluss auf meine geleistete Arbeit machen kann. So ein Bröselhaufen hat, finde ich, Symbolkraft. Na ja, um es kurz zu machen: Mein Symbol hat es nicht zu mehr als einem Running Gag gebracht. Ein Insider eben.
Insider ist auch ein gutes Stichwort zur Gesamtlage – jemand, der hier ein und aus geht versteht, warum ich neuerdings Wolle in einem Sackerl hinter der Couch lagere (weil ich eine Decke stricke) und warum im oberen Vorraum eine Kiste mit Kindergewand steht, deren Inhalt sich verändert, die aber scheinbar nie ganz verschwindet (weil das der Platz ist, an den ich alles lege, was auf den Dachboden gehört) und warum auf der Ablage darüber ein Kisterl steht, in dem Schrauben, Superkleber, Glitzergelroller, die Geburtstagskarten der Lady, eine Feder, eine Häkelnadel und dergleichen liegen (na klar: das gehört alles in den Keller – in Erinnerungskisten, in Bastelboxen und Werkecken).

Und das verstehend finde ich ja meist gar nicht, dass es bei uns arg aussieht. Punktuell vielleicht. Aber an sich ist das ja alles geordnetes Chaos. Manchmal ist es so, dass drei Wäschekörbe im Vorraum zu den Schlafzimmern stehen und dieses elende Gewand einfach nicht in die Kästen wandert. Das „aus dem Wäschekorb leben“ funktioniert auch nicht so wie in meiner Vorstellung und da darf man sich nicht allzu sehr wundern, mit welchen Gewandkombinationen die Kinder zum Frühstück erscheinen. Wenn man das nimmt, was abzüglich des Wäschekorbs vor der Kinderzimmertüre noch im Kasten verblieben ist, dann kommen sie schon mal gern mit bauchfreiem Einhorntop, kurzer Jeans und gestreifter Strumpfhose daher. Drüber noch ein luftig gestrickter rosafarbener Poncho – immerhin ist ja Oktober. Der kleine Lord greift im Bedarfsfall gerne zu seinem Olaf-Overall.

Man könnte nun sagen: „Ja wieso schreibt sie gerade, wenn sie die Zeit nutzen könnte, um die Wäschekörbe auszuräumen?“ Aber es gibt Gründe! 1., dass ich mit riesigen Lymphknoten auf der Couch sitze und mich schonen soll (sagt mein Mann) und 2., dass ich auf eine berufliche E-Mail warte und dann innerhalb von 24 Stunden einen soliden Text abliefern soll (sagt die Deadline) und wenn ich meine ganze körperliche Energie verpulvert habe, wird da wohl auch nicht mehr viel an geistiger Kapazität übrig sein (fürchte ich). Ihr seht: Die Wäsche bleibt zum Wohle aller dort, wo sie gerade ist.
Als ich gestern noch gesund war, konnte ich die Wäsche nicht ausräumen, weil ich die kinderfreien Stunden zum Arbeiten verwendet habe und als die kleinen Mäuse wieder im Haus waren, hat die Katze … na ja, Kakao gemacht und Äpfel geschnitten, Züge gebaut, Streit geschlichtet, Autos gesucht, Zaubersand vom Küchentisch gewischt, Zaubersand aus den Fahrgestellen der Matchboxautos gewaschen, Zaubersand unter dem Küchentisch weggekehrt, Wasser vom Boden aufgewischt, weil die kleine Lady beim Waschen der Autos geholfen hat, Aquabeads vom Boden aufgesammelt und eigentlich wäre damit das Putzpensum für den Tag aufgebraucht gewesen, wäre da nicht noch das kleine Detail, dass der gute Mann für den Folgetag eine Putzfrau bestellt hatte. Und wie jede Frau zwischen hier und Sydney weiß: Wenn eine fremde Frau ins Haus kommt, muss es ordentlich sein. Wenn aber eine Frau, die sich von Berufswegen mit Sauberkeit beschäftigt, im Anmarsch ist, ja dann, … dann muss man vom Boden essen können.

1., weil man doch nicht die Familie (ach was – DIE FRAU) sein möchte, von der sie all ihren Freunden erzählt, wie es dort ausschaut

2., weil man doch nicht die Frau sein kann, die das nicht alleine bewerkstelligt

3., weil die mich ja am Computer sitzen sieht und während der blinkende Cursor der näherrückenden Deadline für meinen Artikel entgegenzwinkert, glaubt die fleißige Frau sicher, dass ich surfe, statt ihr zu helfen

… und weil ich all das nicht ertrage, schaltet sich mein Stressausgleichsmodus ein und ich fange zu putzen an.

Während andere Menschen das Haushaltsbudget gerne für eine Haushaltshilfe schröpfen und Erleichterung verspüren, wenn ihnen jemand das Bügeln abnimmt, rechne ich mir das in braunen Lederstiefeln oder der 5. Staffel von Suits aus. Wie viel mehr Stunden Freude habe ich an 16 Folgen mal 42 Minuten Suits als an einem Nachmittag wassertropfenfreier Duschwand?
Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Erklären. Sami meint ja, dass es völlig normal ist, jemandem, der zum ersten Mal zu einem Job kommt, zu erklären, was man von ihm möchte. Nun verhält es sich aber so, dass ich grottig im Delegieren und Erklären von Agenden bin, von denen mein Unterbewusstsein meint, ich solle sie doch gefälligst selbst erledigen.
Ich müsste nämlich erklären, dass man den Staubsauger auf dem weißen Wohnzimmerboden nicht ziehen darf, weil da sonst der Lack runtergeht und dass man eigentlich bei jedem lauten Geräusch im Hals des Staubsaugers abdrehen und die Suchmannschaft in den Staubsaugerbeutel aussenden muss, weil wir schon ganz lange die Schutzmasken der Playmobil-Feuerwehrleute suchen, die eventuell unter der Couch liegen könnten. Oder im Spalt zwischen Parkettboden und Wand, dort, wo die Abschlussleisten nie verlegt wurde. Und dass die kleinen Pistolen der Polizeimaxerl wirklich kaum von einer toten Spinne zu unterscheiden sind. Am Geräusch im Staubsaugerhals kann man sie erkennen. Mit geschultem Ohr.

Und das hab nun mal ich. Und wenn ich ihr das erkläre, dann hält sie mich für verrückt. In meiner Welt, in der ich es sehr, sehr liebe, alle Spielzeugteile noch zu haben, auch wenn sie sich nicht immer in der Box befinden, in der ich sie mir wünsche, macht das aber total viel Sinn. Und entweder stehe ich hinter ihr und leihe ihr mein Ohr, wodurch ich genauso viel Zeit investiere, dass ich es gut selbst machen könnte oder ich lasse sie mal machen und kann dann, spätestens zwanzig Minuten nach dem sie gegangen ist, dem inneren Druck nicht mehr standhalten, den Staubsaugerbeutel über dem Mistkübel nach Lego-Lichtsteinen zu durchsuchen. Bis man einen Müllbeutel, aus dem es gar arg staubt, weil da tatsächlich auch viel echter Dreck drinnen ist, so ausgeleert hat, dass man alles gesichtet hat, vergeht gut und gerne eine Stunde. Eineinhalb, wenn man vergessen hat, dass da Scherben von vor zwei Wochen drinnen sind, als man die Scherben des runtergefallenen Glases aufgesaugt hat, an denen man sich nun geschnitten hat. Wusstet ihr, dass im Inneren eines Staubsaugerbeutels mehrere Kammern sind? Das ist nicht ein großer Beutel – jedenfalls nicht, wenn man die vom Hersteller empfohlenen Säcke um 10 Euro pro Viererpackung kauft! Das ist ein Labyrinth aus robusten Stoffwänden, Haarbüscheln und Katzensand. Und hätte ich nicht schon so viel Erfolg gehabt, Kinderspielzeug zu finden, würde ich mir die regelmäßigen Bergungsaktionen und die daraus resultierenden Schnittverletzungen und Niesanfälle ersparen.

Damit ich nicht wie eine Wahnsinnige erscheine, klaube ich also alle Röschen der Playmobil-Prinzessinnen-Szene auf, hole einen Besen und kehre die kleinen Pistolen der Polizisten unter dem Bett des kleinen Lords hervor, schüttle seinen Autoteppich aus, in dessen Gewebe sich immer wieder 4 mm große Playmobil-Münzen verfangen. Es purzeln welche hinunter. Ich hebe sie aus dem Staub und den Bröseln auf, die mit heruntergerieselt sind. Ich kehre alles zu einem Häufchen zusammen. Ich lege den Teppich über das Häufchen, schließlich soll es nicht so aussehen, als wäre ich eine der Verrückten, die am Tag bevor die Putzfrau kommt putzen. Ich stelle das Puppenhaus auf die Gästecouch, bringe die Wäsche in die Waschküche, drehe zwei Waschgänge auf, sortiere die Shampooflaschen in der Badewanne und bringe den Müllsack aus dem Bad hinunter. „Wenn ich schon dabei bin“, halte ich am Stiegenabsatz inne, „leere ich die Mistkübel in den Kinderzimmern“ aus. Ich gehe ins Schlafzimmer und will die drei Wäschekörbe mit der sauberen Wäsche ausräumen, da fällt mir ein, dass ich unbedingt das Bett überziehen und dabei von Sommer- auf Winterdecken wechseln will. Und weil ich nicht möchte, dass es aufs frischüberzogene Bett staubt, wische ich das Kopfteil des Bettstells ab. Und putze den Spiegel am Schlafzimmerkasten – ist ja kein Aufwand. So geht das noch eine halbe Stunde weiter. Ich räume und ordne, denn täte ich das nicht, müsse ich der lieben fremden Frau morgen erklären, wo alles ist und wo alles hingehört und dabei müsste ich jemanden in die Wahrheit einweihen, dass ich diese Systeme doch selbst täglich neu erfinde, woraus resultiert, dass nur ich weiß, wo alles ist und „hingehört“, was wiederum meine Machtposition in diesem Haus festigt.

Am Abend liege ich in einem ziemlich aufgeräumten Haus mit anfangenden Grippesymptomen auf der Couch. Jetzt darf die fremde Frau kommen. Sami leitet mir eine SMS weiter: „Guten Abend, ich muss Ihnen fürs Putzen morgen absagen! Ich bin krank und liege mit Fieber im Bett!“
Ich leide! Mit ihr und mir, den armen Kranken, und irgendwie habe ich Mitleid mit meinem Vergangenheits-Ich, dem ich das Stressputzen ersparen hätte können.
Als Sami von der Probe kommt, schüttelt er den Kopf. Mit dem Organisieren einer Putzfrau wollte er mir Arbeit abnehmen, aber er fände es ziemlich widersinnig, der guten Frau Geld zu geben, damit sie sich drei Stunden in ein aufgeräumtes Haus stellt, denn das Bisschen Bodenwaschen und –saugen, könnten wir in einer halben Stunde gemeinsam erledigen. Er ist, so wie ich, ein wenig erleichtert, dass sie für morgen abgesagt hat, wenn auch aus anderen Gründen, aber insgesamt wundert er sich gar nicht so sehr über mein Putzverhalten … er hat auf der Heimfahrt mit der Sängerin der Hochzeitsband gesprochen – die würde auch niemals eine Putzfrau in ein schmutziges Haus kommen lassen.

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