Eine neue Zeitrechnung

Irgendwo zwischen dem ersten positiven Schwangerschaftstest, der Geburt des ersten Kindes oder dessen 1. Geburtstag geht vielen Eltern die gregorianische Zeitrechnung verloren.
Am Anfang werden KW (Kalenderwochen) durch SSW (Schwangerschaftswochen) abgelöst, Jänner bis Dezember entfallen zugunsten des aktuellen Schwangerschaftsmonats. Je näher der EGT (errechneter Geburtstermin) kommt, desto mehr verlieren Wochentage an Bedeutung, es wird von einer Kontrolle zur nächsten gerechnet. Irgendwann hat man eine Milch im Kühlschrank, die länger hält, als man noch schwanger sein wird. Spätestens dann bricht das Konzept “Zeit” völlig zusammen.

Säße ich nicht gerade auf der Couch meiner Eltern und würden die Kinder nicht gerade von Oma und Opa bespaßt werden, könnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob heute Sonntag oder vielleicht doch Mittwoch ist.

Wer kleine Kinder hat, rechnet nicht mehr in Stunden, Wochentagen oder Monaten. Zeit bedeutet Kindern nichts. Das einzige Verständnis, das sie über Zeit haben ist, ob man sie sich für sie nimmt oder nicht. Das spüren sie schon früh. “XY, du sollst nicht so viel aufs Handy schauen. Spiel mit mir.” Aber abgesehen davon, hat Zeit keinerlei Bedeutung. Ob man für den Heimweg vom Kindergarten nun zwanzig Minuten braucht oder die Zwei-Stunden-Route über “Saftflasche bei DM kaufen”, “großem Kran auf der Baustelle zusehen”, “Papas Paket von der Post holen”, “Glitzerkleber bei Libro besorgen” und “bitte, bitte gehen wir zum Bäcker ein Kipferl kaufen” nimmt, ist ihnen egal. Zeit mit Kindern ist nicht da, um sie effizient zu nutzen, sondern sie liebevoll zu vertrödeln. Nie lernen sie mehr über die Zusammenhänge der Welt. Und nie lernt der Erwachsene, der sie mit ihnen verbringt, mehr über sich selbst, seine Geduld, seine Kapazität zu lieben und seine Fähigkeit, ein und dieselbe Sache von fünf verschiedenen Seiten aus zu erklären.

Der abstrakte Begriff “Zeit” – für Erwachsene ist sie alles, Kindern bedeutet sie nichts.

“Wann kommt Tante B.?”
“In 30 Minuten”
“Wie lange ist das?”
“Sechs Folgen Peppa Pig zirka”
Darunter kann man sich etwas vorstellen.

Als Weihnachten gerade vorbei war, wurde ich gelöchert, wie lang es nun bis zum eigenen Geburtstag dauern würde. Wie erklärt man vier Monate?
“Hmmm”, habe ich nachgedacht, “zuerst hat noch Papa Geburtstag und dann R., unsere Nachbarin, dann noch deine beiden Tanten B. und B,. Onkel B. und Opa. Aja und deine Kindergartenfreundinnen I. und E. haben auch noch vor dir Geburtstag und wenn Ostern dann vorbei ist, dann musst du nur mehr so [ich zeigte mehrmals alle Finger und dann noch ein paar einzelne] oft schlafen, DANN hast du Geburtstag.”

“Um sieben müssen die Kinder ins Bett”, wird der Babysitter instruiert.
“Wann ist sieben?”, fragt die Lady nach.
“Wenn der kleine Zeiger hier und der große Zeiger da ist.” Aber wer weiß schon, wie schnell sie dort hin wandern?

Wann fahren wir wieder zu Grandma und Onkel M.?
“Im September.”
“September kenn ich!”, Vertrautes bringt Kinderaugen zum Strahlen. Dieses “das kenn ich schon”-Gefühl heißt für sie “und weil ich das kenne und es Teil eurer Erwachsenenwelt ist, bedeutet das, dass ich auch dazugehöre.”September ist, wenn F. und du Geburtstag haben.”
“Ja, das stimmt”, sage ich während ich denke: “Du kennst schon viele September. Deinen ersten, der so mild war, den zweiten, als du so oft zum Kinderarzt musstest, den, in dem dein Bruder auf die Welt kam, den, als ich die Zahnspange bekommen habe und auch den letzten, als sie wieder runterkam.”

Kinder begleiten uns, aus Zeitplänen werden vage Ideen, aus Wochentagen werden Highlights: der Tag, an dem wir Eis essen waren, der Tag, an dem wir im Zoo waren, der Tag, an dem wir zuhause “wir reisen nach Afrika” gespielt haben. Und irgendwann sind die Ereignisse, die ihre Erlebniswelt ausmachen, auch die, in denen wir die vergangene Zeit zu messen beginnen.

“Bald gehe ich in die Schule, weil … bald bin ich fünf und dann sechs und dann geh ich die Schule. Das ist sehr bald.”
“Na ja, ein bisschen dauert es schon noch”, versuche ich mit meinen Worten den Sand im oberen Teil der Sanduhr zu halten, aber der Tag kommt. In Riesenschritten. Wir rasen mit Lichtgeschwindigkeit durch das Universum ihrer Kindheit, geradewegs zu auf das schwarze Loch “Erwachsensein”, von dem ich nicht weiß, was es bringt. Wird sie glücklich sein? Was wird sie beruflich machen? Wird sie ein schwieriger Teenager? Wird sie einen Partner haben? Werde ich ihn mögen? Wird sie auch dann noch sagen: “Ich will keine Kinder, weil ich nicht möchte, dass du eine Oma wirst. Ich will nur eine Brille.”
Ihr dagegen kann es nicht schnell genug gehen – groß werden, erwachsen sein … sie weiß, wie ihre Schultasche aussehen soll, mit wem sie in die Klasse gehen möchte, dass sie einmal mit Mama und Papa auf den Opernball gehen und dort tanzen will wie “Herzog Pitzbühl in ‘Die Eiskönigin'” (Lord Wesselton/Frozen). Wenn wir an Auslagen vorbeiflanieren, wird sie magisch von glitzernden Kleidern angezogen und ihre Stubsnase und Handflächen kleben magnetisch an der Glasscheibe. “Wenn du groß bist …”, sage ich und löse sie vorsichtig wieder ab.

Dann schlucke ich den Kloß in meinem Hals herunter und denke: “Das dauert noch ganz, ganz lange. Acht Schneemänner, sechzehn Weihnachtsabende, zwanzig Zoobesuche oder zwölf Schuljahre.” Und außerdem hat sie mir versprochen, dass sie IMMER bei uns wohnen wird. Noch ist das ein guter Strohhalm, an den ich mich klammere, bis wir beide lernen auch ohne den anderen zu schwimmen.

 

 

Titelbild: pixabay, annca | Bearbeitung: Veronika Fischer

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