Was, wenn …

Morgen fliege ich nach Madrid – 4 Tage mit Papa und Schwester stehen als Vater-Töchter-Wochenende am Plan.
Ursprünglich hatten wir ihm 2 Tage in Salzburg zum Geburtstag geschenkt, doch er hat großflächig getauscht. Andere Stadt, anderes Land, doppelt so lang und er zahlt. Da sagt jeder normale Mensch nicht nein. Und freut sich drauf … aber je näher der Abflug rückt, desto schwerer wird mein Herz.
Noch nie habe ich meine Drei alleine gelassen. Wir zwei Eltern haben es zwar schon mal für ein Wochenende nach Paris geschafft und die kleine Lady und den noch kleineren Lord bei Oma und Opa gelassen, aber das hier ist neu.
Ich als Einzige nicht da.

Im Versuch das Gefühl zu verstehen, das mein Herz zusammenzieht als wäre Säure auf eine offene Wunde getropft, spüre ich das “Was-wenn” wie meinen Pulsschlag im Hals: Was, wenn das Flugzeug abstürzt, was, wenn ich einen Unfall habe, was, wenn ich nicht mehr nachhause komme, was, wenn das unsere letzten Tage miteinander sind. Die irrationalen Ängste versuche ich mit Ordnung in meinem Arbeitszimmer, mit dem Durchwaschen aller Wäsche im Wäschekorb, dem Putzen der Küche und dem Aufwaschen im Wohnzimmer in den Griff zu bekommen. Ich weiß nicht, ob ich will, dass niemand im Fall des Falles sagt, dass ich unordentlich war oder ob ich bemüht bin, eine Ordnung zu schaffen, in der man eventuell Wichtiges schnell findet. Ich weiß nicht, ob ich den Kleiderkasten der Kinder sortiere, damit sie denken: “So hat Mama es das letzte Mal gemacht.”
Beim Essen erzählt Sami den Kindern, dass “Mama ein bisschen nervös vorm Wegfliegen” ist und die kleine Lady stellt daraufhin salopp fest: “Ja, hoffentlich stürzt Du nicht ab.” Die Tränen schießen mir in die Augen. Keiner ist beunruhigt. Außer mir.
Am Abend sagt Sami, dass ich mich in die irrationale Angst nur hineinfliehe. Mein Unbehagen, meint er, käme von woanders.

Also denke ich noch einen Tag darüber nach und dann dämmert es mir …

Ich stelle sie mir vor, wie sie vom Kindergarten nachhause kommen und fragen, wo ich “jetzt gerade” bin und wann ich wiederkomme und dabei bin ich zu dem Zeitpunkt gerade mal gelandet. Ich denke an ihre Tränen, weil einer den anderen geärgert hat und daran, dass ich nicht da bin, um zu schlichten. Ich denke daran, dass der kleine Lord im Bett liegt und verzweifelt nach irgendeinem bestimmten Matchbox-Auto weint und daran, dass die kleine Lady eine Kuschelung von mir gerade so dringend nötig hätte und ich sie ihr nicht geben kann.

Ich denke an seine großen strahlend-blauen Augen, in denen fast immer ein Lächeln funkelt und an ihre immer bohrenden Fragen, die sich wie Steigeisen tief in den “Wieso”-Everest der Welt hineinschlagen. Nichts davon will ich verpassen.

Vielleicht bin ich nur traurig, weil ich weiß, dass sie es auch ohne mich schaffen werden, weil Oma ganz gut erklären kann, wo ich gerade bin (und es auch nicht 100%ig stimmen muss) und weil Papa sehr gut Streitschlichten kann. Ich bin traurig, weil ich gerne die bin, die weiß, wo welches Auto gerade unterwegs ist – in der Auto-Metallbox, wo sie hingehören oder der Auto-Kiste, wo eigentlich nur die großen Fahrzeuge sein sollten oder im Kindergartenrucksack oder in der Tasche der Regenjacke oder der der Windjacke oder unter dem Bett, wo das Auto vermutlich gelandet ist, als der kleine Lord eingeschlafen und es aus der Hand gepurzelt ist. Und wahrscheinlich kommt die kleine Lady sehr gut ohne meine Kuschelung aus. Aber ich nicht.

Ich bin gerne die Heldin, die weiß, wo sich die Strumpfhose aufhält, die am spontanen Styling-Plan der kleine Lady steht.
Ich liebe es, mit dem ersten Redeschwall der beiden nach dem Kindergarten mit den zuweil fantastischsten und abenteuerlichsten Geschichten überschüttet zu werden. Ich will die sein, die hört, dass sie heute im Kindergarten-Garten “echte Vogelspinnen” gesehen haben und “dass der schlimme Matteo heute ein Lama getötet hat” und ich will die sein, die herausfindet, dass die kleine Lady “Larve” gesagt und der kleine Lord “Lama” verstanden hat.

Mein Herz schmerzt vor Liebe. Und ja – ich bin eifersüchtig und habe Angst, dass sie merken, dass es auch mit ein bisschen weniger Mama-Zeit okay ist. Denn auch wenn sie das schon können, bin ich noch nicht so weit.

 

(c) Veronika Fischer_tiny dancer

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