Wenn das erste Kind in die Schule geht

Im Vorfeld des ersten September-Montags etwas über die Gedanken zu schreiben, die Eltern zwangsläufig einholen, wenn das erste Kind mit der Schule beginnt … ich habe schon daran gedacht, es dann aber wieder verworfen. Wieder gegrübelt, es allerdings bleiben lassen.
Der Schulbeginn ist einer der Meilensteine, an die uns die Zeit unweigerlich führt. Der kommt und geht, und mit dem man sich arrangiert. Zuerst weil man muss. Dann weil man es möchte, verinnerlichend, dass man seinen Namen automatisch auf die Liste gesetzt hat, als man sich in den Club “werdende Eltern” eingeschrieben hat.

 Trotzdem: Mir ist noch niemand begegnet, der “ja” zum Kinderbekommen sagt und damit ein bewusstes Ja zum Kindergartenabschiedsschmerz meint. Zur Hand-Fuß-Mund-Krankheit, zu Naschverbot, zum armageddonesken Streitschlichten mit den Kindern der besten Freundin, zum Sehen, aber Nichtmehraufhaltenkönnen, wenn es Stiegen runterpurzelt, zum Entsetzen, das man verbergen muss, wenn das eine dem anderen Kind die Finger in der Zimmertüre einklemmt, zum Widerstand gegen das Hausaufgabe machen, zum Trösten einer von Worten und Taten verletzten Kinderseele, zum Anruf nach dem ersten Autounfall, zum Ausziehen in die weite Welt oder eine eigene Wohnung.
Dass das Ja zu einem Kind mehr ist, als ein Ja zum Kuscheln mit einem Baby und das Nachhausekommen der erwachsenen Kinder zu Weihnachten, weiß man nur in der Theorie.

Die Realität ist dann ein Cocktail aus Lernenmüssenloszulassen und dem Akzeptieren, dass das eigene Kind anders ist, als man selbst. Manchmal unangenehm anders (oder unangenehm gleich) – in jedem Fall aber scheint es die eigenen Schwächen wie ein Flutlicht an.

Der Schulstart war für mich seit Langem ein Bauchwehthema. Ich habe meine Schulzeit – im Gegensatz zu Sami – gehasst.
In den letzten Monaten, als das abstrakte Gerede vom Schulstart der kleinen Lady greifbarer wurde, musste ich mir eingestehen, dass eine aktive Aussöhnung mit meiner eigenen Schulzeit der Knackpunkt ist, um die bevorstehende Veränderung als etwas Positives zu betrachten. Ich dachte immer, das kommt irgendwann von allein … wenn man ein paar Jahre lang Eltern ist, wenn es lang genug her oder das eigene Kind schulreif ist. Aber irgendwie hat sich das Gefühl nie eingestellt.
Ich besuche das Kind in mir sehr oft. Gehe einzelne Situationen mit ihm durch, aber auch wenn ich ihm versichere, dass es jetzt okay ist, kommt es immer wieder mit denselben Geschichten.
Als jemand, der mit dem Fluch und dem Segen eines Elefantengedächtnisses bedacht ist, kann ich unheimlich viele konkrete Erlebnisse über Volksschule und Unterstufe abrufen, die mir nach wie vor unangenehm nahegehen.
Mit dem Schulleben arrangiert glaube ich mich erst in der Oberstufe zu haben. Dabei hat mich nie so sehr die Frage: “Warum muss ich da hin?”, sondern mehr die Tatsache: “Ich muss da hin, obwohl es mir nicht gefällt … und zwar noch soundso viele Jahre. Da musst Du durch!” gequält.

Bis ich was werde?

Mit dem absehbaren Ende kam auch das Okay-Sein. Aber auch heute wache ich noch von schulbezogenen Albträumen auf. Nein, ich mochte das dort wirklich nicht. Die Routine, die Ungerechtigkeit, die schweren Taschen und den Geruch von Frühlingsaufstrich auf Schwarzbrot in Tupperdosen, das Uncoolsein, die Tafelschwammschlachten, das Nichtverstehen und das Nichterklärtbekommen, die Versagensängste. Dass es zu Beginn des Schuljahres immer dunkler in der Früh wurde, bis es irgendwann so kalt war, dass der Atem rauchte und die nassen Schneeflocken in den Nacken und ins noch bettwarme Gesicht rieselten. “Vielleicht”, bemerke ich im Schreiben, “ist es nicht die Schule selbst, sondern die Gefühle, die ich mit dieser Zeit verbinde, vor denen mir so graust!” Aber die Auflösung meines Konfliktes stand bis zum 4. September immer noch aus.

Der erste Schultag kam und ging, und bleibt, als kleines Heiligtum der Erinnerung, fest in meinem Herzen. Es war einer der Momente, in denen ich leise feststelle, dass mir seine Bedeutung nur dann erhalten bleibt, wenn ich ihn nicht teile. Kein Foto online. Es gibt Momente, die man der Wertung von Likes entziehen muss, um sich ihrer Wertigkeit für sich persönlich bewusst zu werden. Das sind für jeden andere. Aber für mich selbst stelle ich fest, es sind die, bei denen es mir am schwersten fällt, nichts zu sagen.
Ich will mich nicht kurzfristig mit Hurrarufen betäuben, wenn mein krampfendes Austern-Inneres in Zitronensaft getränkt ist. Ich will spüren, was da ist, warum es da ist und was es mit mir macht.

Es heißt: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Wie ein Stück hart gewordenes Plastilin wälze ich den Satz seit Wochen in meinem Kopf. Wie sperriger Erwachsenenblödsinn kommt er mir vor, wenn ihn die Kind-in-mir-Veronika auf ihre eigene Schulzeit anwendet. Wenn ich als erwachsene Veronika auf die neue Situation schaue, erkenne ich eine neue Bedeutung in ihm: von der Schule für das Leben lerne ich. Weil sich in den vergangenen zwei Wochen indirekter Schulzeit mehr in mir getan hat, als ich seit des Schultaschenkaufs im April emotional in mir weitergebracht habe:

Mein Lernprozess ist, vom „Wir“ wieder ins „Ich“ und „Du“ zurückzufinden. Je kleiner die Kinder sind, desto häufiger spricht man von dem Wir, das einen Kinderarzttermin hat, das noch das Zimmer aufräumen wird, das auf Urlaub fährt. Das Wir erkennt die Familie als Uhrwerk an – wenn sich ein Zahnrad dreht, bewegen sich die anderen mit. In der Etablierung eines positiven und offenen Mindsets muss ich aber zurück zum Du und Ich finden, denen voneinander abweichende Erlebniswelten zugestanden werden.

Und an jedem dieser 12 Schultage stelle ich ein Stück mehr fest, dass nicht nur wir mit der Schule begonnen haben, sondern auch ganz klar sie. Sie – die kleine Lady. Die ihre eigene Wahrheit lebt. Mit ihren eigenen Empfindungen. Mit mir als Mama, nicht mit meiner. Mit ihrer Lehrerin, nicht mit meiner. Sie, die die immer kälter werdenden Wintermorgen vielleicht als etwas Großartiges erlebt oder sie auch einfach besser wegsteckt als ich. Sie, die nicht mit 5 Jahren eingeschult wurde und daher auch nicht immer die Jüngste ist. Sie, die kein Sandwichkind, sondern ein ältestes Kind ist. Sie, die sich den Frühlingsaufstrichgeruch ganz absichtlich in die Jausendose wünscht. Aber nicht auf Schwarzbrot, sondern einem Mohnweckerl und deren Mama ihr das dank der Hofer Backbox auch gerne und oft erfüllen kann.

 

Foto: pixabay | pexels

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