Erwachsene sollten zu Wissenslücken stehen

Ich schreibe für unsere beiden Kinder Erinnerungsbücher. Die habe ich natürlich nicht immer dabei, deshalb muss ich mir besonders merkenswerte Dinge manchmal unterwegs aufschreiben und diese Zettel, Kuvertrückseiten, E-Mail-Entwürfe oder Worddokumente – meist kreativ Dok1.docx benannt (super auffindbar) – fallen mir dann später in die Hände.
Beim Laptop-Dateien-Sichern ist mir gerade ein besagtes Dok1.docx in die Hände gefallen und hat folgende Notiz mit Fragen, die mir die Lady offenbar mit etwa 4 Jahren gestellt hat, enthalten:
„Warum sind Schneeflocken manchmal so fein wie Sand und manchmal so groß, dass man sieht, dass es Sterne sind?“
„Wie heißt der König, der Columbus nach Indien geschickt hat?“
„Woher weiß das Licht, dass es aufgedreht ist und in die Lampe gehen muss?“
„Wie alt ist man, wenn man stirbt?“
„Haben Prinzessinnen auch Eislaufschuhe?“
„Was machen die Ärzte mit den Mandeln, wenn sie sie rausgeschnitten haben?“
„Wen kann ich heiraten, wenn ich groß bin?“
Egal was man antwortet, es folgt „Warum?“

Warum? Warum? Warum?

Spiralenförmig, sich immer tiefer in die Materie hineinschraubend. Die Fragen der Kinder sind wie ein Korkenzieher, der sich immer fester in den Flaschenkorken bohrt – haben sie etwas Neues entdeckt, ist die Flasche entkorkt, der gute Schluck Wissen zum Trinken bereit. Erwachsene machen das fade Wasser zu aufregendem Wein, sind Sommelier und Mundschenk zugleich. Nicht zu viel auf einmal. Wein versteht man durch Genuss. Sich nicht sinnlos betrinken, sondern maßvoll das Richtige in all seinen Facetten erfassen.
Kinder geben sich nicht leicht zufrieden. Glauben nicht, dass sie alles wissen. Wissen, dass es noch mehr gibt. Geben nicht auf, mit endlos scheinenden Warum-Schleifen noch eine andere Antwortkreuzung im Hirn des Erwachsenen, mit dem sie sprechen, zu finden, um Licht in jede finstere Stelle zu leuchten.

Erwachsene haben immer Antworten. Glaubt man.
Ich war sehr entzaubert, als ich bemerkt habe, dass es nicht so ist oder das sich manches, was ich als wahr und gegeben angenommen hatte, als Fehlinformation entpuppte. Es hätte mir gut getan, wenn sie öfter gesagt hätten: „Ich weiß es nicht, aber wir können in einem Lexikon nachschauen“ oder die eigenen Glaubenssätze nicht als einzige Wahrheit präsentiert hätten.

 

Titelbild: pixabay | pexels

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