“Ist die Sphinx aus einer Pyramide geschnitzt?”

Am vorletzten Tag des Jahres gehen wir mit den Kindern ins Museum. Die Wahl fällt auf das Kunsthistorische Museum, weil – aufgepasst – in der TV-Serie Super Wings das sprechende Flugzeug Jet nach Ägypten zu den Pyramiden geschickt wird. Zugegeben, manchmal sind unsere Begründungen, warum jetzt genau das dran ist, etwas an den Haaren herbeigezogen, aber man muss schließlich irgendwann das Haus verlassen.
Zu Jet muss man erklären, dass er ein sprechendes Flugzeug ist, das sich beim Landen einfach mal Arme und Beine aus dem Metallkörper raustransformen kann.

Der kleine Lord ist sich nicht so ganz sicher … Der Jet ist ein Flugzeug, aber auch ein Bub, er hat nämlich eine Bubenstimme und deshalb muss er ja auch ein Mensch sein, aber ist er ja doch nicht, trotzdem ist er mit Menschen befreundet, die sich nie über sein Aussehen wundern – es ist kompliziert. Und vielleeeeeicht hätte die Tatsache, dass sich dieser Sachverhalt nicht restlos aufklären ließ, mein Hinweis sein können, dass unser Vorhaben mit dem KHM-Besuch unter “Fortgeschrittenen-Level” fällt …

Jedenfalls geht Jet, der eigentlich nur ein Paketzustellungflugzeug ist, in einer Folge mit einem Buben zu einer ägyptischen Ausgrabungsstätte und weil der kleine Kerl dann natürlich die tausende Jahre verschwundene goldene Katze findet, nach der sein Großvater sein ganzes Leben gesucht hat, nennt er sich Pyramiden-Akiki.
PYRAMIDEN-AKIKI! Ihr müsst Euch das wie einen Schlachtruf vorsagen. Denn mit ebendieser Begeisterung und Entschlossenheit haben wir uns in Richtung Museum aufgemacht, um Sakarabäen, Schakale, Katzen und die Sphinx anzuschauen. Na ja, nicht DIE Sphinx, aber eine. Die große, echte, einzig wahre Sphinx übt eine große Faszination auf die Lady aus, sodass sie schon nach dem ersten Mal, als sie sie gesehen hat, mehr darüber wissen wollte – warum “die” das Gesicht nicht reparieren und ob die Sphinx aus einer Pyramide geschnitzt wurde.

Wir sind … nein: haben … nicht erst gestern geboren und wissen daher: Man beginnt nicht beim Highlight, vor allem weil man nicht mit Sicherheit sagen kann, dass die majestätischen Museumshallen mit den Schaukästen voll Dingen, die man nicht angreifen darf, als solches verstanden werden.

Damit wir auch ein bisschen auf unsere Kosten kommen, beginnen wir also bei Gemälden von Tizian und Raffael. Dem kleinen Lord gefallen die grünen Kordeln und die blauen Sofas. Aber eigentlich will er nur “aufdenChristkindlmaaaarkt”. Die Lady ist sichtlich bemüht, die Contenance zu wahren – sie weiß, dass gebrannte Mandeln vom Christkindlmarkt auf dem Spiel stehen – und sucht fieberhaft nach einem Bild, auf das sie deuten und fachmännisch nickend sagen wird: “Das könntet ihr kaufen.”
Dazwischen bleibt sie immer wieder stehen, sieht sich prüfend das Bild der Isabella D’Este an, beäugt das Gemälde, das den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen zeigt, sagt nichts und läuft weiter – vielleicht treibt sie die Hoffnung an, dass hinter der nächsten Ecke der Ausgang ist, man soll es erst später erfahren.

Ihr fällt auch ein Bild von Tintoretto auf, das den heiligen Nikolaus von Bari zeigt und erkennt gleich: “Das ist der heilige Nikolaus! Den erkenne ich an den drei goldenen Kugeln.” Na bumm! Dann verzieht sie die kleine Schnauze, kräuselt die Augenbrauen zusammen und grummelt: “Die Farben sind aber nicht sehr heilig! Das müsste viel heller sein! Mit Rot und Gold und so. Und Weiß! Weiß ist für Hoffnung und Hoffnung ist sehr heilig. Grün ist auch gut, aber nicht ein so dunkles.”

Auch das Gemälde vom Tod des heiligen Joseph findet sie nur wenig ansprechend. “Wenn der Himmel so dunkel gemalt ist, dann will man dort doch gar nicht hin! Man soll keine Angst vorm Sterben machen.” Wir fragen uns, warum im Mittelalter alle ziemlich füllig und halb nackt gemalt wurden. Nicht einmal dem kleinen Jesus hat Raffael ein Gewand gemalt. Ob dem nicht kalt war?!

Langsam fühle ich mich ein bisschen rabenmütterlich-scheinakademisch, weil mir nicht ganz so bewusst war, was da alles hängt – ich springe also blickverdeckend zwischen Kind und Bild, als ich Judith mit dem Haupt des Holofernes erspähe und deute mit großen Bewegungen in die andere Richtung zu einem fiktiven “Das musst Du Dir anschauen”-Punkt, als wir David mit dem Haupt des Goliath passieren und ich die Lady weiterschiebe. Die zwei Gemälde gießen Öl in das Feuer meiner Vermutung, dass es tatsächlich unter Umständen Sinn gemacht hätte, sich zum 5. Mal die Dinos im Naturhistorischen anzusehen.

Mit viel Lob über das brave Gehen und süßen Christkindlmarktversprechen bugsieren wir die Kinder zur Ägypten-Ausstellung, sind fasziniert von mumifizierten Babykrokodilen und Hieroglyphen, finden unsere Schakale, Katzen und freuen uns tierisch, als uns der erste Skarabäus ins Auge springt. Die Lady läuft mit Papa als Scout voraus, nimmt uns in jedem Raum neuerlich in Empfang und zeigt uns die besten Ausstellungsstücke, der kleine Lord thront auf meinen Schultern und schaut sich die “Badewannen” [*hust*: Sarkophage] der Pharaonen von oben an. Nur beim großen Krokodil muss ich ihn herunter lassen. DAS muss er sich aus der Nähe anschauen.

Am Abend liegt die Lady im Bett: “Das Beste an dem Tag war das Museum!”
Wait, what?!
“Obwohl ich es eigentlich ganz schirch gefunden hab.”
Ah, there we go.
“Ich finde das eigentlich ziemlich respektlos.”
“Was ist respektlos?”
“Dass die Leute alle so unfreundlich schauen, wenn sie wissen, dass ein Bild von ihnen gemacht wird. Ich schau ja auf den Fotos auch nicht so *: (*, da lächelt man so *: )*”

Aber hingehen will sie trotzdem wieder! … Und das nicht nur deshalb, weil sie uns 10 Tage später beim Abendessen über die Mini-Sphinx zu bedenken gibt: “Die haben nicht mal Farbe verwendet! Nur so aus Sand, das ist nicht sehr hübsch. Da könnte man mal mit Fingerfarben …”, nein, ich glaube, es hat ihr tatsächlich gefallen.

 

Titelbild: pixabay | Erich Röthlisberger

 

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