Wohnungssuche in der Großstadt

Der große Lord schickt mir heute Früh eine Wohnungsanzeige und meint: “Die will ich!” 13. Bezirk, 92 Quadratmeter, Kellerabteil, Gartenmitbenützung, 800 Euro. Was er übersehen hat, ist zu haarsträubend, um es zu glauben, zu dreist, um wahr zu sein und zu skurril, um es für mich zu behalten: Die “lichtdurchflutete Balkonwohnung in bester Lage” ist für vier Jahre zu haben.

“Die Wohnung weist starke Abnutzungsspuren auf, die Eigentümerin hat sich jedoch bereit erklärt, dem Mieter mit einer Aufwandentschädigung [sic] entgegenzukommen. Wir berrechnen [sic] einen finaziellen [sic] Aufwand von ca. 15.000,- für die Sanierung der Wohnung, welcher vom Mieter übernommen wird.” Als Kaution werden im Übrigen drei Bruttomonatsmieten verlangt. Wir werden also weitersuchen – und genauer lesen – müssen.

Eine schöne Wohnung zu einem leistbaren Preis in der Großstadt zu finden, ist wie eine Aufnahmeprüfung in einen geheimen Club. Wer das schafft, gehört dazu. Als wir uns das letzte Mal wohntechnisch neuorientieren wollten, hatten wir, nach nur wenigen Wochen intensiver Suche, sechzig Wohnungen in die engere Auswahl gezogen und mit den Ver- oder Vormietern Kontakt aufgenommen. Nach sechzehn Besichtigungen schlossen wir, dass es scheinbar keine Wohnung mehr in dieser Stadt für uns gab, denn wenn die Wohnung vernünftig war, dann war es der Vermieter nicht.

Das Absurditätenangebot war breit gefächert: Eine 4-Zimmer-Wohnung, die man mit zwei kleinen Elektro-Heizstrahlern, die im vordersten Zimmer montiert waren, heizen sollte. In derselben Wohnung hing, obwohl sie völlig leergeräumt war, ein starker Verwesungsgeruch.
Eine Dame, die das Weitergaberecht für eine 85-Quadratmeter-Wohnung hatte, bot: “Thermometer an den Heizkörpern. Neu ausgemalt. Sicherheitsschloss. Ablöse ist mehr, als die Investitionen wert sind, brauchen aber 90.000 Euro für den Umzug in unser neues Haus. Können sonst nicht ausziehen.” Die dritte Wohnung, die ich besichtigte schien perfekt. Die persönliche Checkliste war beinahe gänzlich abgehakt und von einem fensterlosen Badezimmer ließ ich mich nicht mehr abschrecken. Es war eiskalt draußen und ich hatte damals ein Baby mit festen Essens- und Schlafenszeiten. Dennoch packte ich jeden von uns in die Wintermontur und fuhr zum ehestmöglichen Besichtigungstermin in die Wohnung. Sie passte. Die Vormieterin versicherte mir, uns als Nachmieter vorzuschlagen und das Rad bei der Genossenschaft ins Rollen zu bringen. Sie, vier Wochen nach mir Mutter geworden, fragte mich, von einem Zimmer ins nächste gehend, über Schlafrituale und Essgewohnheiten aus. Plapperte unaufhörlich von ihrem Wochenfluss, ihren Fressattacken und ihrer Tochter und holte sich Tipps, wie man die Kleinen zum Trinken animiert. Keine zwei Stunden später rief ihr Mann bei mir an und teilte mir mit, dass gerade jemand mit den zwölftausend Euro, die sie als Ablöse wollten, in bar vor der Türe stand und sie ihm die Wohnung gegeben hatten, unsere mündliche Vereinbarung somit nichtig sei. Ich krempelte die Ärmel rauf. Um eine gute Bleibe zu finden, musste man also Ellbogentechnik anwenden.

Ich besichtigte Wohnungen, die als “Grünruhelage” angepriesen wurden. Auf Nachfrage versicherte man mir, dass man die Straße, auf die man von der Loggia aus direkten Blick hatte, “kaum hört”. Zu dumm nur, dass ich – wie der Makler nicht wusste – nur wenige Minuten von der Wohnung entfernt wohnte und genau wusste, dass es die meist befahrene Straße des ganzen Bezirks war. Auf unserer Suche – inzwischen hatte ich den großen Lord ins Boot, das sich eher wie ein sinkendes Schiff anfühlte, geholt – sahen wir ein “Haus mit Garten” das einen siebzig Zentimeter breiten Rasenstreifen vor der Balkontüre hatte. Wer plant so etwas? Gleich daneben stand die Biotonne des Nachbarn. Die Sorge, die der große Lord über die offene Stiege äußerte, kommentierte der Hauswart mit: “Jedes Kind fällt einmal wo herunter. Das lernen s‘ eh schnell.” In unserer Verzweiflung beschlossen wir dennoch zuzusagen, doch am nächsten Tag war die Wohnung “wegen großen Interesses” nicht mehr verfügbar und wurde – wie wir später auf der Homepage des Anbieters sahen – über Nacht um hundert Euro teurer.
Wir besichtigten ein Haus, in dem der Gang zwischen den Zimmern so schmal war, dass man sich mit Seitschritten durch ihn hindurch schieben musste. Dann bot man uns eine vollmöblierte Wohnung mit drei Zimmern an – “Mit zwei Flatscreens, Waschmaschine, Kaffeevollautomat und vielen anderen Goodies. Investablöse und Genossenschaftsanteil gesamt 50.000 Euro.” Auf Nachfrage erfuhren wir, dass von diesem satten Betrag nur viertausend Euro auf den Genossenschaftsanteil entfielen, den man bei Auszug wieder erhält. Muss also eine verdammt geile Kaffeemaschine um 46.000 Euro gewesen sein – ich habe mich nicht persönlich davon überzeugt.

Schließlich erkundigte ich mich bei einigen Freunden, wie viele Frösche sie küssen mussten, um ihren Prinzen in Gestalt von vier Wänden und einem Dach zu finden. Zu meiner Beruhigung waren sie auch hier zu finden, die Schauergeschichten: Heizungsrohre, die sichtbar durch die Zimmer verlaufen. Ein Haus mit Garten, das keinen Wasseranschluss zur Bewässerung der Grünflächen hat. Auf die Frage, wie denn der hundert Quadratmeter große Garten zu gießen sei, erklärt der schlagfertige Makler “mit der Gießkanne”. In Bau befindliche Wohnungen, die man zwar immerhin von seriösen Anbietern kaufen, aber bei Schlüsselübergabe erstmals betreten kann. Privatvermietungen mit kostspieligen Rücktrittsklauseln. Menschen, die Wohnung tauschen wollen, hohe Ablösen verlangen, aber im Gegenzug dazu in der Tauschwohnung keine Investition ablösen möchten. Die Liste der Lächerlichkeiten ist lang.

Wer meint, dass es nur jene mit hohen Ansprüchen so hart trifft, irrt, denn auch die einfachen Einzelzimmer zur Untermiete oder Wohngemeinschaftsplätzchen sind rar. Und die armen Herbergssuchenden sind den Verrücktheiten, die der Wohnungsmarkt hervorbringt, für gewöhnlich auch noch alleine ausgesetzt. Korrekter Weise hätten die Inserate zu den jeweiligen Zimmern wie folgt lauten sollen: “Zimmer neben Aufzugsschacht, von dem bei jedem Stopp des Aufzugs ein ohrenbetäubender Lärm ausgeht, freigeworden. Fenster kann leider wegen vorbeiführender Feuerleiter nicht geöffnet werden.” “Studentenzimmer in einem düsteren, nach Laufhaus aussehenden Gebäude teuer abzugeben.” Dann war da noch der Herr, der ein Zimmer in seiner – bis zur Decke mit Zeitungen vollgeräumten – Wohnung vermietete. Auf dem Kaffeetisch stapelten sich die feinsäuberlich ausgeschnittenen Todesanzeigen und der Wandverbau war gefüllt mit Ordnern, auf deren Rücken Jahreszahlen und die im Nachruf vermerkten Todesursachen notiert waren. 1988 – “plötzlich aus dem Leben gerissen”, “kurzes, schweres Leiden”, “tödlich verunglückt”. Zu guter Letzt konnte ich herzlich über den Geschäftssinn jener alten Dame lachen, die eine ebenso volle Wohnung wie der Herr zuvor vorweisen konnte und für ihr “möbliertes Zimmer” eine “ordentliche, junge Dame” suchte. Die Möbel in dem Raum, waren jedoch von der Nutzung ausgeschlossen. Lediglich das Bett durfte verwendet und der Kleiderkoffer am Boden abgestellt werden, sofern dadurch nichts im Zimmer verändert wurde. Im Badezimmer musste zur Warmwassernutzung Geld in einen Automaten eingeworfen werden.

Eine Wohnung fanden wir damals nicht, unser Sinn für Humor durch die Erkenntnis des gemeinsamen Leidens war jedoch zurückgekehrt. Schließlich entschied ich mich für einen sehr pragmatischen Ansatz: Mein zukünftiges Ich weiß schon, dass die neunzehnte, siebenundzwanzigste oder vierundfünfzigste von uns besichtigte Wohnung unser neues Zuhause sein wird. Je mehr Wohnungen wir uns ansehen, desto näher sind wir also dem Ziel. Durch den dazwischenliegenden Prozess muss man nun mal durch.

Und eineinhalb Jahre später zogen wir dann tatsächlich um.

P.S.: Wer Interesse daran hat, die 92 m²-Wohnung im 13. zu sanieren, kann sich bei mir melden. Ich leite den Link gerne weiter.

 

Titelbild: Foto: pixabay, StockSnap | Bearbeitung: VlikeVeronika

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