Der Abschied aus der Volksschule

Die Lady zieht weiter. Komme ich mit?
Eine Mama-Kolumne über die letzte Volksschulwoche des 1. Kindes.
„Es ist ein Elternteil erlaubt“, sage ich, als ich den Elternbrief im Mitteilungsheft gelesen und unterschrieben habe. „Wer soll dich denn zur Zeugnisverteilung begleiten?“, frage ich die Lady. Auf der schwarzen Küchenbank, die eigentlich ein schwebend montiertes Regal ist, sitzt sie vor mir. Die Füße stehen auf einem der Bankfächer, weil sie es hasst, wenn die Füße baumeln. Sie ist klein für ihr Alter. In vielen ihrer Erzählungen geht es darum, dass sie etwas nicht allein erreicht hat, dass ihre Füße den Boden nicht erreicht haben, dass die Aufmerksamkeit auf ihr lag – wegen ihrer Größe.

Aber heute erzählt sie nichts davon. Ihre Augen funkeln mich aus dem sonnengebräunten Gesicht an. Die Haarsträhnen, die sich beim Schwimmen aus dem Zopf gelöst haben, rahmen ihr Gesicht ein. Das Grübchen in der einen Wange, das sie von einem Sturz als Dreijährige gegen die Couchtischkante hat, bewegt sich in derselben Geschwindigkeit wie ihre Lippen, die aufgeregt plappern. Über die Abenteuer, die in der letzten Schulwoche anstehen. Über die Aufregung, die es heute wegen des Rasensprenklers gegeben hat. Über das Eis, das ihnen die Leseoma spendiert hat und das sie vergessen ließ, dass sie für den routinemäßigen C*-Test zwei Stunden nichts essen sollte. „Es macht nichts, das geht sich gut aus“, bringe ich einen Satz in dem Wasserfall ihrer Erzählungen unter.

Hinter ihr liegen eineinhalb Schuljahre, die von C* überschattet waren. Die Streichung der Lesenacht in der Schule, bei der sie Pizza bestellt hätten. Die Verschiebung der Schullandwoche, die schlussendlich abgesagt werden musste. Viele Monate mit drei Testungen pro Woche. Die Masken. Das seltene Einkaufen mit den Eltern. Zwei Lockdown-Geburtstage. Das Aussuchen der weiterführenden Schule über YouTube-Videos und Schulwebsites. Das war halt in den letzten eineinhalb Jahren so und jeder Tag eigentlich keine große Sache. Außer dem einen im März 2020, an dem wir gesagt haben, dass sie ab morgen nicht mehr in die Schule geht. Wie elastisch sie ist, fällt mir erst auf, wenn ich mir die Absurdität der Situation vorstelle. Wenn ich mir vorstelle, Kind in dieser verrückten Zeit zu sein.

Aber nichts, gar nichts von dem, was heute aus ihr herausblubbert, hat damit zu tun. Es geht nur um die Freundschaftsbücher, die noch schnell weitergegeben werden müssen, und den Steckbrief, den jedes Kind schreiben soll. Die Lehrerin hat eine Vorlage ausgeteilt, die sie später für alle kopieren wird. Darauf sind Telefonnummer und E-Mail-Adresse anzugeben. Sie will nicht meine notieren. Das geht nicht, denn wenn sie auszieht, können ja nicht mir alle schreiben. Und sie will jetzt wissen, wie ihre Handynummer gehen wird, wenn sie mal mein altes Smartphone bekommt. Sie pokert auf September, wenn sie in der neuen Schule anfängt. Ihr kleiner Bruder kann ja dann ihr altes Handy haben, das nichts anderes kann, als die wichtigsten Menschen in ihrem Leben anzurufen, und Speicherplatz für ein paar Fotos bietet.

„Die Nummer bekommen wir erst, wenn wir eine SIM-Karte für das Handy haben“, erkläre ich. „Kannst du das nicht jetzt machen?“, drängt sie. „Nein, da muss man einen Vertrag anmelden. Ich melde jetzt sicher kein Handy an. Schreib doch deine jetzige Nummer hin. Vielleicht nimmst Du die mit“, antworte ich. Aber das will sie nicht: „Was, wenn nicht? Dann stimmt die Nummer auf dem Steckbrief nicht.“ „Auch andere Kinder werden mal die Nummer wechseln. Das ist halt so. Du kannst dann ja eine SMS an alle schicken, dass du eine neue Nummer hast.“ Aber das reicht ihr nicht. „Die wissen aber nicht, dass die SMS von mir ist.“ „Dann schreibst Du [die Lady] am Ende. Das macht man ja sowieso.“

Sie seufzt. Und zieht den rechten Mundwinkel zu einem verschmitzten Lächeln hoch, sodass sich kleine Fältchen um ihre stubsige Nase kräuseln und man das Grübchen in der Wange wieder stark sieht. Sie merkt, dass es wieder einer dieser Momente ist: In denen sie in Lichtgeschwindigkeit wie eine Sternschnuppe durch mein Leben rast. „Mama, jetzt aber nicht weinen.“ Eigentlich will sie schon ein bisschen Teenager sein und die Augen verdrehen, aber sie schafft es nicht. Es wird ein Lächeln daraus, das über ihre Augen huscht. Zu gut spürt sie mich. Zu gut können wir uns in die andere hineinversetzen. „Nein, mach ich nicht.“ „Du darfst aber auch beim Zeugnis nicht weinen“, sagt sie ein bisschen streng, „sonst soll lieber der Papa mitkommen.“

Dann hält sie kurz den Atem an, wie sie es oft macht, wenn ihr ein großer Gedanke einschießt. „Überrascht mich!“ Sie macht eine Pause, liest die wortlose Frage in meinem Blick, der eine Erklärung erbittet. „Sagt mir vorher nicht, wer zum Zeugnis mitkommt. Ich will euch beide, aber das geht nicht, also überrascht mich.“ „Okay“, nicke ich, „so machen wir’s.“ Ein Gefühl, das ich nur als innere Gänsehaut beschreiben kann, kribbelt in meinem zugeschnürten Brustkorb. Dann gehen wir ins Wohnzimmer und richten ihr eine eigene E-Mail-Adresse ein. Wenn sie nur wüsste, wie riesig sie für mich ist und wie klein ich mich neben ihr fühle. Meine Füße als Mama baumeln heute wieder einige Zentimeter über dem Boden.

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