Die Eine und die Andere

In mir wohnen zwei Menschen. Sie mögen sich meistens. Sie kommen miteinander aus. Die Eine umarmt die Andere, wenn sie traurig ist. Manchmal stößt die Andere die Eine weg. Manchmal machen sie ein Lagerfeuer, singen Abenteurersongs und grillen Marshmallows. Manchmal grübeln sie gemeinsam – die Andere ein bisschen intensiver als die Eine, aber eigentlich versteht die Eine es sehr gut, deshalb hört sie aufmerksam zu und nickt. Die Eine ist die Art von Mensch, der sagt: „Ja, das verstehe ich“ und man glaubt ihr aufs Wort. Sie versteht die Andere und sie lässt sie sein, wie sie ist, auch wenn die Andere gelegentlich schrullig oder hart ist oder etwas Vernichtendes sagt, weil die Eine weiß, dass das ein Unwetter ist, das wieder vorbeizieht.

Manchmal fällt eine Bombe aus heiterem Himmel in die Welt der beiden. Und meistens – nach einem kurzen Schreckmoment für die Andere – stellen sich die Eine und die Andere dann an den Krater und schreien der Bombe hinter, was für ein riesengroßer Shit, welche arge Frechheit das ist und wer sich entblödet, hier mit Bomben zu schießen. Dann drehen sie sich um und gehen, die Hand um die Schulter der jeweils anderen, weg. Die Eine hat die andere dabei fest eingehakt, aber so, dass sie das nicht so stark spürt. Just to make sure. Bis sie sich sicher ist, dass die Andere das eh gut alleine kann.

So war das vor einem Monat auch. Die beiden standen an dem Einschlagloch einer Bombe. Sie sahen sich an. Schauten wieder zu dem Krater und dann wieder zueinander. Die Augen weit offen. Den Atem angehalten. Dann hat die Eine aufgeatmet und gesagt, wie erleichtert sie ist, dass die Bombe endlich eingeschlagen ist. Sie hatte den Flug davor schon beobachtet und war so froh, dass der Groschen endlich gefallen und die Kinder von der Schul- und Kindergartenanwesenheitspflicht befreit waren. Das war ihr die letzten Tage eh schon ein Stein im Bauch.

Covid-19: Das Leben geht weiter, auch wenn die Welt still steht.

Das ist wie im Sommer. Wenn die Kinder neun Wochen lang zu Hause sind. Wenn jemand gerüstet ist, dann wir.“

„Okay?!“, hat die andere mit einem ratlosen, fast argwöhnischem Blick, aber in Ermangelung anderer Gedanken dazu gesagt. Einen Moment lang wollte sie einwenden, dass der Sommer mit den neun Wochen aber nur deshalb machbar ist, WEIL sie den Rest des Jahres arbeitet und die Sommerferien mit Kinderpapa und Großeltern so schaukelt, dass sie das Nötigste arbeiten kann, aber dafür blieb keine Zeit. Stattdessen hat sie sich selbst murmeln gehört: „Sogar Nudeln, Seife und fünf Packungen Zahnpaste haben wir.“
Sie vertraut der Einen. Und die hat gesagt: „In jeder Krise steckt eine Chance!“ und „Die ganze Welt ist auf der Pausetaste. Wenn uns das nicht zum Umdenken bringt, was dann?“

Corona-Krise: Die Welt steht still und das Leben geht in voller Härte weiter

… und so war das auch.

Die Menschheit steht am Beckenrand eines Pools und aus dem Lautsprecher kommt: „Eine Minute Luft anhalten.“ Also machst Du es.
„Warte mal, was?!“
Schon bist Du drinnen.
Mit dem Kopf unter Wasser.
„Na gut, eine Minute.
Das geht schon.
Das schaff ich.“
Die Eine lächelt unter Wasser der Anderen zu. Und auch den anderen Tauchern. Thumbs up. Hang in there.
Aber es kommt ihr lange vor und sie beginnt zu zählen „58, 59, 60 … 21, 21, 21 … schon drei Sekunden drüber“, und dabei hat sie nicht mal von Anfang an gezählt. „Wissen sie, dass ich noch unter Wasser bin? Ja, die anderen sind auch noch da. Wissen sie, wie lange das ist?“ Mit jedem Moment wird die Stille lauter, das Pochen im Hals, die Gedanken, die Überlegungen, die Luftblasen, die besorgten Blicke der anderen. „Ich muss kurz rauf. Ich hab nicht tief genug eingeatmet. Ich brauche Luft. Fischen die mich raus, wenn ich umkippe?“

Weißt Du was? Die Eine ist umgekippt. Die Andere hat sie raufgetaucht und hält ihr den Kopf über Wasser, aber am Beckenrand sind sie nicht.
Es ist wie in einem dieser Träume, in denen man in einen Pool springt und wenn man auftaucht, ist es ein dunkler See. Oder doch ein Meer? In genau dem Moment und von der Position aus weiß man es nicht und das macht der Einen eine Scheißangst. Und wenn die Eine Angst hat, dann verunsichert das die Andere, weil die Eine optimistische und kreative Lösungen hat.

Aber für manche Momente gibt es keine.

Besonders für die nicht, in denen die Welt auf der Pausetaste ist und das Leben weitergeht.

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