Wie gendere ich richtig?

Doppelpunkt, Sternchen, Unterstrich, Mediopunkt oder doch etwas anders? Wie gendere ich 2021 richtig?

Wie wir alle wissen, ist Gendern keine leichte Sache. Selbst mit den besten Intentionen im Herzen wird es nicht immer gelingen, alle Leser:innen zufriedenzustellen. Es gibt keine „Mach es so, dann ist es immer richtig“-Lösung, denn Sprache entwickelt sich. Sprache lebt. Sie bildet ab und sie erschafft Wirklichkeiten.

Lass Dir das auf der Zunge zergehen und schreibe es in goldenen Lettern vor Deinem geistigen Auge an die Innenseite Deines Gehirns: SPRACHE ERSCHAFFT WIRKLICHKEIT. In der Genderdebatte sind wir heute ganz woanders als vor einem oder zwei Jahrzehnten. Ehrlich gesagt haben wir hier allein in den letzten zwei Jahren viele Kilometer zurückgelegt. Die deutsche Sprache durchläuft Phasen – und wir Anwender:innen mit ihr.

Sprache ist komplex und nicht in Stein gemeißelt

Als ich nach dem gerne gelesenen Beitrag über das große scharfe S auf Instagram gefragt habe, zu welchem Thema sich Leser:innen ebenfalls einen Beitrag aus meinem Texterinnenalltag wünschen, kam das Thema Gendern gleich ein paar Mal auf den Tisch – ein sehr eindeutiges Zeichen, dass das ein kniffliges Thema für Sprachanwender:innen ist. Das deckt sich auch mit dem, was ich oft – zumindest aber am Anfang jedes neuen Projektes – im Berufsalltag feststelle. Menschen, die es „richtig machen“ wollen, beißen sich die Zähne an der vermeintlich möglichen, sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter – viel mehr noch aller Menschen – aus. In der Genderdebatte sind wir aber mitunter kilometerweit voneinander entfernt.

Genderdebatte – vom Mars zur Venus und wieder zurück

Die einen verteidigen das generische Maskulinum bis zum Tod, um die Lesbarkeit von Texten zu erhalten. Das ist gerade im Printbereich, wo jedes Textzeichen genau eingeteilt ist und man platzaufwändiges Gendern mit Abstrichen bei der Menge an transportierbarem Inhalt bezahlt, ein gar nicht unbedeutendes Thema. (Been there.)

Die anderen spielen vielleicht für dasselbe Team – generisches Maskulinum – verteidigen aber eine ganz andere Position. Nämlich eine, die mit einer gewissen Verleugnungshaltung ihren eigenen Privilegien gegenüber meint, dass man das Gendern überhaupt nicht braucht, weil ein Binnen-I, ein Gender-Gap oder ein Gendersternchen mehr oder weniger auch kein Gender-Pay-Gap schließt. (Been there.)

Auf der gegenüberliegenden Seite stehen Menschen, die in der Entscheidung nicht zu gendern, den Versuch sehen, das Patriarchat zu stärken, Frauen zurück an den Herd zu drängen und Randgruppen zu diskriminieren.

Dazwischen tummeln sich viele, die es halbherzig oder inbrünstig tun. Mit unterschiedlichen Zeichen auf der Tastatur – und jedes steht irgendwie für etwas Anderes. Wofür die ganzen Zeichen stehen, kann man übrigens im Wikipedia-Eintrag Geschlechtergerechte Sprache ganz gut nachlesen.

"In welcher Genderphase bist Du?" Veronika Fischer schlüsselt 8 Typen von Genderanwender:innen auf.

Wie soll ich gendern?
8 Anwendungstypen beim Gendern*

* Praxisbeobachtung mit einem Hauch von Satire 

(Wie mein Unternehmensleitsatz schon sagt:) Texte müssen Zeichen setzen, und dabei geht es nicht immer nur um den Inhalt, sondern zwischen den Zeilen auch um die verwendeten Textzeichen. Jetzt könnte man glauben, dass alle gendernd Schreibenden, das Gleiche im Sinn haben. Doch in den Jahren des Lesens, der Neugier und des Beobachtens sind mir unterschiedliche Untertöne beim schriftlichen Gendern aufgefallen, aus denen sich unterschiedliche Anwendungstypen ergeben.

Sie alle verwenden unterschiedliche Zeichen, um eine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern zu machen … und ich behaupte, dass sie nicht zufällig gewählt sind.

Die Verweigerer

Gendern nicht. Weil …

A.) „Das ist ja sowas von unnötig. Wissen eh alle, dass sie gemeint sind. Ich sag ja auch nicht KaffeeInnen.“

B.) „Es stört den Lesefluss.“

C.) „Was ist Gendern? Aso, das mit den –innen. Muss ich wirklich?“

Die korrekten Textbook-Gender-AnwenderInnen

Sie wissen, dass sie gendern sollten, aber ein bisschen unangenehm ist es ihnen ja doch vor den LeserInnen, deren Stimmen ihnen im Kopf herumgeistern: „Geh, wieso genderst du denn auf einmal?“ oder „Heast, des Dschändan. Wozu brauch ma’n des?“ Darum entscheiden sie sich für das Binnen-I. Korrekt genug, um (zumindest bei den TechnikerInnen und den HarmonizerInnen) als Gendern zu gelten, aber subtil genug, um die VerweigerInnen nicht total vor den Kopf zu stoßen.

Die Techniker/-innen

Gendern mit Vorliebe mit Slashes (Schrägstrichen) und Schrägstrichen/-Bindestrichen. Sprachromantik wird für die Techniker/-innen überbewertet, schließlich ist Sprache ein Werkzeug und das wird den Leser/-innen zum Verständnis des Textes in die Hand gedrückt. Lesen und verstehen sind technische Herausforderungen, die es zu bewerkstelligen gilt – wie den Zusammenbau eines Ikea-Kastls!

Die Harmonizenden

Sie umgehen – wo immer es möglich ist – die Geschlechterfrage. Die Lesenden der Texte finden sich pausenlos handelnd in substantivierten Partizipien wieder: Die Bewohnenden der Siedlung werden eingeladen, am Nachbarschaftstreffen teilzunehmen. Oder in nominalisierten Adjektiven: Die Garteninteressierten mögen sich zu den bereits Gartengenießenden begeben, um von den Fans des üppigen Grüns zu lernen, was sie noch nicht über ihre Lieblingspflanzen wussten. Meistens stoßen sie zumindest einmal im Laufe des eigenen Textes an einen kaum umschiffbaren Geschlechtereisberg. Da ist dann Kreativität gefragt.

Die Reingrätscher_innen

Wenn der Unterstrich eine Turnübung wäre, dann definitiv eine Grätsche. It has a message. It has an agenda. Alle schauen hin, die Augen weit aufgerissen. Der Unterstrich ist im Fall des Genderns kein einfacher Unterstrich, vielmehr ist er das Gender-Gap, ein Loch, eine Lücke, bei dem es BeVORzugte und HINTERherhinkerinnen gibt. Und eben auch ganz viel dazwischen.

Der Underscore bremst nicht nur die Leser_innen aus, sondern zeigt den Verweiger_innen: „Jetzt pass a’mal auf!“ Und wenn wir schon beim „Wenn der Unterstrich ein … wäre“ sind, stelle ich noch einen Vergleich an: Wäre das Gender-Gap ein Song, käme er mit Hip-Hop-Beat und Streetslang daher.

Die LGBTQIA+-Advokat*innen

Das Sternchen in seiner schwebenden Position auf i-Punkt-Höhe hat etwas Träumerisches. Es stellt die Welt und seine Bewohner*innen in einem Wunschzustand dar. Es sieht jede*n Einzeln*e und versucht, allen mit den in alle Richtungen ausgestreckten Sternchenspitzen (je nach Schriftart fünf oder sechs) gerecht zu werden. „Please, don’t be offended. I mean well.“

Die Sprachliebhaberinnen und Sprachliebhaber mit dem toten Winkel

Sie nehmen sich die Zeit (und erwarten dasselbe von ihren Leserinnen und Lesern), Männer und Frauen gleichermaßen anzusprechen. Gleichermaßen? Nun ja, die weibliche Form wird meist als Erstes genannt – weil die Frau ja zuerst angesprochen wird, so wie ihr auch die Türe aufgehalten und das Essen als erstes gereicht wird. Irgendwie auch nicht ganz fair, oder? Höflich im klassischen Sinne ja, aber wenn es um Geschlechtergleichheit geht, sollte man im Text doch immer wieder abwechseln, welches Geschlecht zuerst genannt wird.

Die philosophischen Gehirnsstimulantinnen und kreativen Um-die-Ecke-Denker

Seit einigen Jahren gibt es ein recht spannendes Phänomen im Genderalltag. Das sieht so aus, dass die Autoren einfach mal eingangs festhalten, dass sie im folgenden Text abwechselnd die männliche und weibliche Anrede verwenden, dabei aber immer beide Geschlechter meinen. Die Zeit nannte es 2018 Gendern nach „Guerilla-Taktik“, die Autoren Peter Clar und Markus Köhle bezeichneten diese Art zu Gendern im Vorwort ihres Buches „Schneller, höher und so weiter“ 2021 als „Guerilla-Gendern“ – ein Begriff, auf den wir später nochmal zurückkommen.

„Wegen einer schadhaften Türe waren die Richter und Anwältinnen gezwungen, das Gebäude über ein Fenster im Erdgeschoss zu verlassen.“, „Die Lehrer an den Volksschulen lehnen sich gegen die Direktorinnen auf, weil diese ihnen das Queren der Straße bei Rot vor den Augen der Schülerinnen verbieten wollen.“, „Die Mitarbeiterinnen konnten nicht an die Schreibtische zurückkehren, da das Reinigungspersonal die Drehstühle als Vorsichtsmaßnahme in den Fahrstuhl geschoben hatte.“

„Wait, what?!“, fragt das völlig anders konditionierte Gehirn eines Millennials in einer Lesepause. „Nur Richter und Anwältinnen kletterten aus dem Fenster? Wo waren die Richterinnen und Anwälte? Wieso ist Volksschullehrerinnen das Queren bei Rot nicht verboten? Dürfen Lehrer bei Rot über die Straße, wenn nur eine Gruppe männlicher Schüler sie dabei sieht? War das Entfernen der Drehstühle ein sexistischer Streich? Wieso nehmen die Mitarbeiterinnen nicht einfach die Stühle ihrer männlichen Kollegen?“

Die Herausforderung dabei ist, auch (und besonders) als Schreiberling nicht in klassische Rollenbilder zu fallen, aber auch nicht alle klassischen „Baustellen“ (Arzt, Anwalt, Politiker …) in die weibliche Form zu setzen.

Wie ich zum Gendern stehe

Tja, ich stehe … ganz woanders als noch vor ein paar Jahren, würde ich vorweg mal sagen. Ich war lange eine Sprachanwenderin, die dachte: „Was brauch ich denn eine weibliche Form? Ich weiß doch, dass ich gemeint bin.“ Wenn ich Kund:innen gefragt habe, ob sie Texte gendern wollen, haben sie meist zurückgefragt, ob man das müsse, ob das nötig sei … die Frage implizierte meine Antwort. Es war von beiden Seiten ein Versuch, am gewohnten generischen Maskulinum festzuhalten, obwohl wir den Zug eigentlich schon den Bahnhof verlassen spürten. Noch vor einigen Jahren war die Angst, es irgendwie falsch zu machen und jemanden trotz des gut gemeinten Versuchs vor den Kopf zu stoßen, so groß, dass man es mit dem Gendern lieber ganz bleiben ließ.

Spulen wir im Schnelldurchgang in die Gegenwart. Heute kann sich niemand mehr leisten, sich nicht mit der angemessenen Anrede der Zielgruppe auseinanderzusetzen. Tatsächlich stehen wir auch an einem Punkt, an dem wir (ein großer Teil) uns damit auseinandersetzen WOLLEN, was Sprache so alles kann.

Auseinanderzusetzen – ein gutes Stichwort! Sprache ist einfach nicht perfekt und niemals fertig. Was wir heute für die Kommunikation mit unserer Zielgruppe entscheiden, kann in ein paar Monaten oder Jahren überholt sein. Und spätestens dann sollte man Anpassungen vornehmen.

Warum Millennials die Verantwortung tragen, gendersensible Sprache durchzusetzen. Ein Appell an eine Generation.

Meine Genderphasen

Lange war ich ein Fan des generischen Maskulinums

Ja, ein Fan des generischen Maskulinums. Kurz und zeichensparend, prägnant und gut verständlich. Was hätte ich auch mit mir als Fan gemacht? Oder mit mir als Content Creator? In der englischen Sprache gibt es hier keine Geschlechterunterscheidung und das fand ich äußerst entspannt. Wenn ich aber für andere schrieb und deren Kundschaft ansprach, dann passte dieser Schuh oft nicht mehr.

Also kam das Binnen-I in mein Leben

Denn wenn die Zielgruppe vorwiegend aus weiblichen oder sich als weiblich identifizierenden Kundinnen bestand, fand ich die Anrede „Liebe Kunden“ schlichtweg unpassend.

Es folgte eine kurze Phase als harmoniebedürftig Schreibende

Mit ausweichenden Formulierungen, mehr genderneutralem Plural und substantivierten Partizipien als mir lieb war. Dazwischen gab es einige Texte, die – in Anlehnung an den universitären Usus bei Diplomarbeiten (aus meiner Zeit) – eingangs mit dem Hinweis versehen waren, dass sich bitte alle Leserinnen und Leser trotz des verwendeten generischen Maskulinums gleichermaßen angesprochen fühlen mögen.

Rückblickend kann ich sagen, dass das die unbequemste Phase war. Nichts fühlte sich damals gut oder richtig und vollständig an. Und spannenderweise – wenn wir schon bei Geschlechtern, Geschlechteridentitäten, Rollenbilder etc. sind – war das die Zeit, in der ich mich unheimlich unwohl und nicht angekommen gefühlt habe. Nein, keine Zweifel an meiner Geschlechtsidentität als Frau, sondern in meiner Rolle als Sprachgestalterin. Die Macht der Zeichen auf meiner Tastatur. Sie war erdrückend.

Dann kamen die Schlüsselerlebnisse

Das erste Schlüsselerlebnis (das chronologisch eigentlich hinter dem zweiten kam)

Meine beiden Kinder werden größer. Wir sind den Bilder- und Vorlesebüchern entwachsen und haben die Zeit, in der ich beim Vorlesen zum abgebildeten Polizisten noch eine Polizistin dazudichten kann, hinter uns gelassen. Heute lesen die Kinder aufmerksam mit. Beim Spiel des Lebens, das wir erst seit kurzer Zeit besitzen, sind meine Tochter und ich kurz davor, auf alle Berufskarten die weibliche Form zu schreiben, denn es gibt nur den Polizisten, den Koch, den Wissenschaftler, den Musiker, den Influencer … „Warum?“, fragt sie sich und alle Mitspielenden jedes Mal. „Warum freut sich niemand mit den Mädchen?“ fragt sie mich, wenn im Radio „den Erstklässlern“ zum ersten Schultag gratuliert wird. Ich glaube nicht, dass sie das von ihrer relativ unfeministischen Mutter hat. Sie ist mit ihren zehn Jahren einfach schlau genug, Zustände zu hinterfragen, und zu „neu“ in dieser Welt, um selbige als unveränderlich hinzunehmen.

Das zweite Schlüsselerlebnis

Vor etwa zwei Jahren wurde ich sozusagen aus dem Blauen heraus als eine von vielen Beschwerdeführer:innen gegen ein Bauvorhaben in ein Verfahren verwickelt. Die ganze Sache war etwas aufreibend. Denn zu dem Zeitpunkt, als ich gebeten wurde, meine Unterschrift auf diese Unterschriftenliste gegen das Bauvorhaben zu setzen, war von einem Gerichtsverfahren absolut keine Rede. Es war eine von zig Unterschriftenlisten, die man regelmäßig gegen oder für eine Sache unter die Nase gehalten bekommt.
Und plötzlich fand ich mich in einer Sammelbeschwerde gegen einen namhaften Bauträger wieder. Jeder eingeschriebene Brief, den ich – und alle anderen Beschwerdeführer:innen – dazu bekamen war im generischen Maskulinum gehalten. Gerichtsjargon, Rechtsbelehrungen und Fristvorgaben für mich als Beschwerdeführer und bald womöglich Kläger inklusive. Erstmals hatte ich – eine gebildete, solide verdienende, weiße Mittdreißigerin – das Gefühl, von den Menschen, die an den entscheidenden Hebeln sitzen, nicht gesehen zu werden.

Klar kenne ich das Gefühl, in einer kleinen Gruppe irgendwie nicht reinzupassen oder in einen Inner Circle nicht reinzukommen, aber so auf der großen Skala geht es mir schon gut – mit meinem Uniabschluss (der sich aus den mir gebotenen Möglichkeiten ergab), meinem österreichisch-as-can-be Nachnamen (der sich aus meinem sozialen Umfeld und natürlich der Liebe wegen ergab) und diversen anderen Faktoren, die sich aus der Summe all dessen ergaben, was mir – oft unverdient – vom Leben gegeben wurde.

Und plötzlich war ich ein Beschwerdeführer, der sich zu Wort zu melden hatte, weil sonst … Ich war themenfremd und noch dazu nur durch eine unglückliche Verkettung in diesem Verfahren gelandet, wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte, und wurde sprachlich permanent übersehen. Die ganze Sache hat mich eingeschüchtert und ich habe mich auf meinen Platz verwiesen gefühlt – als kleines, unbedeutendes Rädchen in dieser Angelegenheit.
Zu dem Zeitpunkt ist ganz viel in mir aufgegangen. Alle Scheinwerfer leuchteten auf die Bühne, auf dem ein altbekanntes Stück spielte:

SPRACHE ERSCHAFFT WIRKLICHKEIT

… und die Hauptdarsteller:innen in dieser Inszenierung sind wir Menschen. Als Person, die sich täglich mit dem Verfassen von Texten beschäftigt, sehe ich mittlerweile sehr klar, dass ich die Verantwortung habe, die Auseinandersetzung zur Abbildung unserer Realität auch in Bewegung zu halten.

Es stimmt vielleicht, dass ich es in meiner privilegierten Lebenswelt nur selten brauche, dass man mich nicht nur mitmeint, sondern mich auch anspricht. Glück gehabt, Veronika! Aber ich schreibe eben nicht für mich, sondern für die, die weniger Sprachkompetenz haben, die, die sich in alten Rollenbildern gefangen fühlen, die Mädchen, denen noch niemand offenbart hat, dass sie alles werden können.

Gleichzeitig weiß ich, dass Gender-Gap, Gendersternchen, Binnen-I und Vollformen nur eine Kulisse sind, vor der sich das eigentliche Geschehen abspielt. Die Probleme der Übersehenen werden nicht mit Sprache gelöst, denn sie gehen viel tiefer.
Unterstrich, Asterisk, Binnen-I, Schrägstrich, Mediopunkt – es sind nur Textzeichen. Sie ändern keine Strukturen, sie schaffen keine Fairness, sie stellen nicht gleich. Optisch gesehen machen sie ja sogar das Gegenteil: Sie trennen. Sie machen einen Unterschied zwischen dem, was vor und was nach dem jeweiligen Textzeichen steht.

Trotzdem tun sie etwas. Sie setzen wortwörtlich ein Zeichen. Deshalb ist es mir eigentlich (fast) egal, wie man gendert, solange man es fundiert begründet und transparent offenlegt. Einen besonders kreativen und meiner Meinung nach sympathischen Ansatz, auf den mich sowohl meine Schwester – ihres Zeichens Dolmetscherin und Sprachtrainerin – und Agenturchefin Gudrun Kirchert – ebenfalls ständig mit Kreativarbeit beschäftigt – aufmerksam gemacht haben, ist, dass manche Magazine ihren Autor:innen innerhalb der eigenen Artikel die Art zu gendern freistellen. So kann in einer Ausgabe mal von den Lesenden, mal von den ZuseherInnen, mal von den Künstler_innen und mal von den Ärztinnen und Ärzten die Rede sein. Nur mit sich selber müssen die Autor:innen auf einen grünen Zweig kommen, wie sie es denn halten möchten.
Ich möchte hier nochmal ans „Guerilla-Gendern“ erinnern. Dem Begriff kann ich viel abgewinnen, auch wenn ich im Gegensatz zu den Erfinder:innen meine, dass man sich den Leser:innen zuliebe zumindest innerhalb eines Textes auf eine Art des Genderns einigen sollte.
Das Gendern nach Guerilla-Taktik lenkt den Fokus weg vom sprachlichen Pflaster und legt den Finger durch die gewisse Absurdität auf die eigentliche Wunde: die Frage der Gleichstellung.

Sprache erschafft Wirklichkeit, deshalb ist Gendern relevant für die Erschaffung einer neuen Realität.

Der Doppelpunkt beim Gendern

Ein Zeichen habe ich bislang nicht erwähnt. Es wird aufmerksamen Leser:innen aber schon aufgefallen sein: der Doppelpunkt.

Der Doppelpunkt ist für mich ein sanftes Textzeichen, das wie ein Flummi springt und den Rhythmus eines Textes ändert. Er ist wie die Richtungswechselkarte beim UNO, die sagt: „Bis jetzt haben wir es so gemacht, aber es geht ja auch andersrum.“
Der Doppelpunkt eröffnet. Er folgt auf Sätze (oder Satzteile), die Erklärungen einleiten. Ehrlich gemeinte, um Verständlichmachung eines Sachverhalts bemühte Erklärungen.
Je nachdem was nach dem Doppelpunkt kommt, wird groß oder klein weitergeschrieben. Groß, wenn der nachfolgende Satz auch für sich alleine stehen könnte. Klein, wenn es sich um eine Aufzählung oder Ähnliches handelt.

Und im Falle des Genderns behält er sich diesen sanften Wesenszug.
Die zwei vertikal übereinanderstehenden Punkte sind schmal, fast unscheinbar, und haben dabei doch ganz schön viel Aussagekraft: „I see you.“

Leseempfehlung zum Thema Gendern

spiegel.de: Stokowski Margarete: „Gendersprache“ und Vorstandsquoten, nichts könnte mir egaler sein. 1. Juni 2021 (Stand: 07. Oktober 2021)

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Veronika Fischer ist freie Texterin und Bloggerin aus Wien.
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