Was das Aus von blogheim.at für die österreichische Blogszene bedeutet

„Die Blogheimat sagt Danke und auf Wiedersehen!“ mit dieser Nachricht hat Betreiber Jürgen Koller am 16. September 2022 überraschend das Ende der Plattform blogheim.at verkündet.
Warum es nicht egal sein sollte, wenn blogheim.at offline geht.

„Die Blogheimat sagt Danke und auf Wiedersehen!“ mit dieser Nachricht hat Betreiber Jürgen Koller am 16. September 2022 überraschend das Ende der Plattform blogheim.at verkündet. Sieben Jahre lang erschien dort an jedem Monatsersten das aussagekräftigste Blogranking Österreichs. Warum es im Interesse der Werbewirtschaft, von Unternehmen und Blogger:innen wäre, die Plattform zu erhalten.

Das war blogheim.at

2015 schuf Jürgen Koller mit blogheim.at ein Messinstrument für die österreichische Blogszene. Wer wollte, konnte mittels DSGVO-konformem Trackingpixel die monatlichen Blogaufrufe von blogheim.at zählen lassen. Die Daten wurden an jedem Monatsersten ausgewertet und die Blogs entsprechend gereiht.

Zwischenzeitlicher Mix aus Social-Media- und Blogzahlen

Bis Ende 2019 wurden auch Social-Media-Follower:innen in einem 30:70 Verhältnis mit den Blogaufrufzahlen des vergangenen Monats zusammengerechnet. Doch technische Änderungen beim Instagram-Mutterkonzern Meta führten dazu, dass das blogheim.at-Ranking ab 2020 nur noch auf Blogaufrufen fußte – ein wichtiger Schritt für die Blogszene. Denn Blogger:innen und Influencer:innen sind, wenn auch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung, ganz eindeutig aber für die Content Creator:innen selbst, zwei völlig andere Paar Schuhe.

Die Blogszene – ein unterschätztes Schwergewicht

Das blogheim.at-Ranking unterstrich das Gewicht der heimischen Blogszene: Mehr als 30 Millionen Seitenaufrufe brachten die 2.616 aktiven Blogs zuletzt monatlich zustande! Die Themen, denen die Blogs gewidmet sind, sind so unterschiedlich wie die Creator:innen selbst. Blogs über Reisen, Kochen und Backen, Erziehung, DIY, Technik, Sicherheit im Netz, Lifestyle, Sport, mentale Gesundheit und vieles mehr sind in Österreich erfolgreich aktiv.

Mehr als 30 Millionen Seitenaufrufe brachten die 2.616 aktiven Blogs zuletzt monatlich zustande.

Content Creation – eine Branche ohne Lobby

Doch eines hat die österreichische Blogszene nicht: Advokat:innen. Während andere Branchen ihre eigenen Fachgruppen haben, ist man bei der Anmeldung eines Gewerbes für das eigene Content-Creation-Business immer noch vor die Wahl gestellt, ob man eine Werbeagentur oder ein Ankündigungsunternehmen gründet, oder im Fall eines YouTube-Kanals eine Rundfunklizenz benötigt. Es gibt keinen einheitlichen Pfad. Und das obwohl die Tätigkeit der Blogger:innen, Social-Media-Influencer:innen und YouTuber:innen in der Praxis sehr ähnliche Aspekte beinhaltet. Sie alle sind Content Creator:innen. Sie erstellen Inhalte, die ihre Follower:innen interessieren und bieten Unternehmen in ihren jeweiligen Nischenthemen eine interessante Werbefläche. In der Theorie verdienen die Content Creator:innen mit Kooperationen Geld für einzelne Produktionen, die aber auch die redaktionell erstellten Inhalte querfinanzieren, sodass auf den Kanälen nicht pausenlos Werbung, sondern eben auch unabhängige, redaktionelle Beiträge zu konsumieren sind. In aller Regel kostenlos für Follower:innen und „Laufleser:innenschaft“.

Der wilde Westen der Werbung

Genau wegen der fehlenden Fachgruppe ist im Bereich Content Creation immer noch eine Wild-West-Stimmung zu spüren. Die Vorgaben für Content Creator:innen werden je nach Bedarf aus alteingesessenen Branchen herausgepflückt – man nehme Preiskalkulationsbeispiele aus der Fotografie, ein paar Rahmenbedingungen aus dem Pressewesen, einige Maßstäbe aus der Werbebranche und schicke die Creator:innen auf den – sehr einsamen – Weg. Denn obwohl gefühlt jeder jemanden kennt, der irgendwie, irgendwas Influencerisches macht, ist die Branche weit weg von einer geeinten Gruppe. Das wiederum öffnet Tür und Tor für zweifelhafte Angebote, die viele Creator:innen immer noch tagtäglich in ihren Postfächern finden: Veröffentlichung von bezahltem Content, „aber bitte ohne Hinweis, dass es sich um Werbung handelt“ (was nicht erlaubt ist und im Fall deutscher Influencer:innen bis vor Gericht ging und teilweise in Geldstrafen endete). Erkaufe von do-follow-Links (verboten ist es meines Wissens nach nicht, aber unethisch allemal). Bezahlung in „geldwerten Vorteilen“, was für Firmen einfach und günstig ist, unwissende Creator:innen aber leicht in eine steuerrechtliche Bredouille zu bringen droht, denn auch geldwerte Vorteile müssen versteuert werden.

 

… man nehme Preiskalkulationsbeispiele aus der Fotografie, ein paar Rahmenbedingungen aus dem Pressewesen, einige Maßstäbe aus der Werbebranche und schicke die Creator:innen auf den – sehr einsamen – Weg.

 

Ein elternloser Teenager in Kinderschuhen

Die Branche rund um Content Creation für eigene Blogs, Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok und Plattformen wie Pinterest und YouTube ist komplex. Es bedürfte meiner Meinung nach dringend einer eigenen Fachgruppe oder einer Arbeitsgruppe innerhalb einer bereits solide aufgestellten Fachgruppe wie der Fachgruppe Werbung. Denn die Reichweite der österreichischen Content Creator:innen ist enorm!

Und genau das hat blogheim.at immer sehr gut abgebildet. Die österreichische Blogszene verliert durch den Wegfall des blogheim.at-Rankings ein wichtiges Messinstrument.

Zwei Aspekte sind dabei wesentlich:

  1. Ohne ein Ranking, bei dem nur Blogaufrufe getrackt und verglichen werden, rücken Social-Media-Zahlen wieder stark in den Fokus zum Vergleich von „Erfolg“ und „Beliebtheit“. Blogger:innen treten wieder in den Schatten von Social-Media-Influencer:innen. Dabei haben aber beide Teilbereiche ihre Berechtigung und sollten, gerade wenn es um den Marketingmix geht, als zwei wichtige und unterschiedliche Werkzeuge von werblicher Unternehmenskommunikation gesehen werden.
    Ein:e erfolgreiche Influencer:in muss keine erfolgreich:e Blogger:in sein. Oft steht hinter einem großen Instagram-Account nicht einmal ein Blog. Würde Instagram dicht machen, würden viele Influencer:innen von heute auf morgen all ihren Einfluss verlieren.
    Umkehrt kann ein Blog extrem aufrufstark sein, ohne dass ein dazugehöriger Social-Media-Account (so vorhanden) für Werbepartner:innen als relevant erachtet werden würde.
    Dass beide dieser Säulen gleich stark ausgeprägt sind, ist eher selten der Fall.
  2. Das Ende von blogheim.at bedeutet auch, dass das Wenige, das an Verbindung gab, weiter dahinschwindet. Bislang konnte man Monat für Monat nachsehen, wie sich die Blogszene in Österreich entwickelt und verändert. Wer stieg auf, wer stieg ab, wessen Aufrufe blieben über das Jahr kontinuierlich hoch, welche Themen waren im Sommer beliebt und welchem Thema widmeten sich Blogs, die im Winter gut performten?
    Auf einen Blick konnte man sich nicht nur als Blogbetreiber:in ein Bild der Szene machen, sondern auch Unternehmen, PR-Agenturen und Presse hatten Zugriff auf das blogheim.at-Ranking.

Würde Instagram dicht machen, würden viele Influencer:innen von heute auf morgen all ihren Einfluss verlieren.

Wir waren noch nicht so weit | Ein Plädoyer

Immer wieder habe ich mich seit 2015 mit Jürgen über blogheim.at ausgetauscht, wollte wissen, was ihn antreibt, diese Plattform zu betreiben. Jede:r Websitebetreiber:in weiß, dass es selbst bei kleinen Seiten mit ein paar Stunden Zeitaufwand nicht getan ist. Ein derartiges Projekt ist ein Investment und wäre die vage abgesteckte Idee der Monetarisierung aufgegangen (sprich: hätte es sich gerechnet, noch mehr Zeit zu investieren), wäre noch viel mehr Potenzial in der Plattform gesteckt. Nicht zuletzt deshalb, weil große Player:innen der österreichischen Blogszene freiwillig ihren Website-Traffic veröffentlicht haben. Die absoluten Zahlen waren nur für blogheim.at-Gründer Jürgen Koller einsehbar, aber gemessen an den Zahlen des aufrufstärksten Blogs (mit 100 Punkten) wurden die weiteren Blogs in ein Punktesystem eingereiht, das schlussendlich ein Ranking der zuletzt 2.616 aktiven Blogs ergab.

Fällt blogheim.at weg, zieht die Content-Creation-Branche weiter in den wilden Westen, in dem der Kurzlebigkeit von Social-Media-Inhalten wieder mehr Bedeutung gegeben wird als der Beständigkeit von suchmaschinenoptimiertem Blog-Content.

Hätte die Content-Creator-Branche eine:n Advokat:in – sagen wir mal in der Wirtschaftskammer – würde er/sie das nicht so einfach zulassen. Aber ohne „Eltern“, die Vorgaben für Rechte und Pflichten machen, muss das Stiefgeschwisterchen von Presse, Rundfunk, Werbung, Fotografie etc. seinen Weg selbst finden und mir zeigt es einmal mehr, dass so vieles, was in diesem Bereich kostenlos geleistet wird, als selbstverständlich erachtet wird.

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2 Antworten

    1. Liebe Doris,

      danke, dass du dir Zeit fürs Lesen und Kommentieren genommen hast! Ja, ich verstehe auch, dass das Projekt für ihn jetzt an einem Punkt ist, an dem er für sich einen Strich drunter machen möchte.

      Liebe Grüße
      Veronika

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Veronika Fischer ist freie Texterin und Bloggerin aus Wien.
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