Madrid: Skurriles & Co.

Oder: Madrid, Paris, Wien – ein Beziehungsdreieck im europäischen Städtetourismus.

Madrid ist sauber, grün und geruchsneutral – jedenfalls im Vergleich zu Paris, wo man (gefühlt) von jedem x-beliebigen Boulevard nur in die kleinen Rues abbiegen muss, um sich auf den Trottoires an verwaist aussehenden Baustellen samt Bauschuttsäcken, staubigen Brettern und Müllsäcken vorbeizuschleusen. Kein Vergleich mit Palermo mitten im Müllabfuhrstreik, aber immer noch auffällig genug für einen Wiener, der es, verglichen mit anderen Großstädten, bei sich zuhause richtig sauber hat. Und mag.

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In Madrid, so denke ich, wird sich genau dieser Wiener wohlfühlen. Zumindest im Zentrum Madrids ist es für eine Metropole ziemlich aufgeräumt und clean. Die Madrider Hundehalter sind mit Hundegackerlsackerl unterwegs, Mülltonnen findet man überall, das Großstadt-Grau wird von gelben, orangefarbenen und rostroten Hausmauern aufgelockert. Dazwischen stößt man unweigerlich auf ausdrucksstarke Street Art – coole Stencils und Graffities, die der Gegend Charakter geben, ohne einen heruntergekommen Eindruck zu hinterlassen, findet man an jeder Ecke.

Futuristisch. Das Geräuschsignal der Ampeln erinnert an ein Weltraum-Computerspiel. Wie die Schüsse aus einer Laserpistole feuert die Ampel ein gleichmäßiges “Piu-piu. Piu-piu” aus dem Lautsprecher.

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Skurril. Es ist nicht erlaubt, den U-Bahn-Bereich mit Ballons aus Metallfolie zu betreten. Klingt komisch. Ist aber so. Und zwar deshalb, weil Folienballons durch ihre elektrisch-leitende Oberfläche Kurzschlüsse verursachen können. Die Madrider Metropassagiere sind bereits leidgeprüft, weshalb Metallluftballons von der Beförderung ausgeschlossen wurden.

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Pariser Fenster | Französischer Balkon

Sonstiges. Die Madrider lieben den französischen Balkon – jedes Haus, egal wie hoch oder niedrig, hat einen … den kleinen Vorbau vor dem bodennahen Fenster auf den manchmal gerade einmal drei Kräutertöpfe passen und der mit schönem Gitter davor den Anstand macht, ein Balkon zu sein. In Wien sieht man das kaum (noch), wahrscheinlich fühlen wir Wiener uns von derartigen Installationen eher gefoppt, weil wir ein bodennahes Fenster als Türe bezeichnen und wo eine Tür ist, muss auch ein Ausgang sein. Wenn man aber noch nicht einmal einen Gartensessel aufstellen kann, fühlen wir uns verscheißert. Weniger verwirrend ist da wohl der alternative Name Pariser Fenster. So oder so, die Madrider stehen drauf und sehen es vermutlich pragmatisch: Besser ein halber Quadratmeter Balkon, als gar keiner. Und wer’s grün haben will, kann sowieso in einen der vielen Parks gehen.

Gedanklich ergibt sich immer wieder ein Dreieck zwischen Wien, Paris und Madrid: Hoheitliche Zäune um Parks und Gebäude sind den Besuchern aller drei Städte bestens bekannt. Goya, Velázquez, Raffael, Giorgione, Dürer, da Vinci und viele andere verbinden die Museen der Hauptstädte und lassen Kunst, die man theoretisch kennt, lebendig werden.
Der Palacio Real in Madrid, das Château de Versailles in Frankreich, das Schloss Schönbrunn in Wien – beeindruckend anders, faszinierend ähnlich.
Die U-Bahn-Zugänge sind in Paris und Madrid gleich geregelt – Ticket kaufen, passagierweise in den Zugangsautomaten schieben, entwerten, Schranke öffnet sich, Metro fahren und beim Verlassen des Metro-Bereichs wird das Ticket nochmals benötigt. Wer – aus welchem Grund auch immer – kein Ticket (mehr) hat, ist drinnen gefangen. Sogar die Ticketgröße ist gleich. Schwarzfahren kann man nur in Wien so ungeniert.

 

  

So wie Paris ist auch Madrid eine größere Version von Wien – beeindruckende Architektur, viel Kultur, Verschmelzung von Altem und Neuem, ein bisschen bergauf, ein bisschen bergab, breite Straßen, kleine Gassen, Springbrunnen und ganz viel europäische Geschichte.
Paris und die Seine, Madrid und der Manzanares, Wien und die Donau – das gehört zusammen wie das Croissant mit café au lait, Churros con chocolate und das Kipferl mit der Melange. Während aus Paris vor allem das betonierte Seine-Ufer mit den vielen Brücken im Gedächtnis hängen bleibt, wie wir es vom Donaukanal kennen, ist aus Madrid besonders die Parkanlage Madrid Río am Manzanares eine Gegend, die Gefühle an Wien und die Donauinsel weckt.

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Parque Madrid Río
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Parque Madrid Río

Bereitwilliger als die Pariser zeigen die Madrilenen, dass sie der englischen Sprache mächtig sind, selig ist jedoch der, der mit einem spanisch Sprechenden daherkommt. Gelobt sei meine Schwester, die nicht nur die Essensbestellung, sondern vor allem auch die Verhandlungen am Rastro-Flohmarkt übernommen und mir zwei Jugenstil-Bronze-Items ergattert hat. Der Flohmarkt, der immer an Sonn- und Feiertagen im Embajadores-Viertel stattfindet, ist sowohl für Souvenierjäger, die abseits der typischen Läden im Zentrum fündig werden wollen, als auch für eingefleischte und gelegentliche Flohmarktbesucher mit viel Platz im Koffer geeignet. Alte Möbel, Bilder, Geschirr, Spiegel, Schüsseln, Lavours und Kannen aus Bronze, Kaffeemühlen und Uralt-Telephone (die man unbedingt mit ph schreiben muss, um ihre Altertümlichkeit zu unterstreichen) findet man genauso wie handgemachte Hipster-Turnbeutel (Anm. meiner Schwester: “Das heißt Turnsackerl!”), an denen man heute ja kaum vorbeikommt. Ledertaschen und -gürtel, Sonnenbrillen, Tücher, bedruckte Shirts – neuwertiges Touri-Zeugs eben.

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Beim Essen hat es der gemeine Vegetarier und Gelegenheitsfleischverweigerer nicht leicht – die Küche ist auf die Säulen Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte gestellt und so kann es auch sein, dass in dem mit Guacamole gefüllten Weißbrot Hühnerstücke drinnen sind. Wenn man die Guacamole im Nuevo Almacen (Toldeo) bestellt und bittet, den Lachs oben drauf wegzulassen, bekommt man stattdessen rote Fischeier (also Kaviarersatz) serviert. Gut gemeint. Schwupp, runter damit. Es ist wie bei Oma, die vegetarisches Kartoffelgulasch mit Würsteln kocht: “Mit nix kann man nicht kochen!”
Übrigens: Bei TripAdvisor nach den beliebtesten Tapas-Lokalen zu suchen hat nur bedingt geholfen, denn als Tapas werden schon schnell mal ALLE kleinen Speisen, egal ob landestypisch oder nicht, bezeichnet – wer also ein kleines, feines Lokal sucht, in dem kleine Portionen zum Eintauchen in die spanische Küche serviert werden und wo Fleischfresser und Fleischabstinenzler satt werden, muss sich im Vorfeld wirklich schlau machen oder sich auf eine ausgedehnte Suche durch Madrid begeben.
So richtig wollte uns das nicht gelingen, wobei ich sagen muss, dass wir als Vater-Töchter-Gespann auch unterschiedliche Auffassungen davon haben, was ein tragbares Interieur bzw. ein angemessen großer Sitzplatz ist. Zu Papas Verteidigung: Ich brauche es ultra-hygienisch, er braucht mehr als 1/2 m² Platz und eine Sitzlehne. Für genussvolles Essen brauche ich mehr als 2 vegetarische Beilagen zur Auswahl (oft gab es keinen einzigen Salat ohne Fleisch), er dafür muss die Einzelteile seines Essens erkennen können, was die typische Rührspeise mit Ei, Kartoffel und Fisch/Fleisch nicht so zum Bringer gemacht hat. Meine Schwester braucht wenig … nur, dass man sich bitte endlich auf etwas einigt, weil man ja nun schon seit 60 Minuten sagt, dass man essen wird. Friedlich und kompromissbereit geeinigt haben wir uns immer, als kulinarisches Erlebnis wird mir Madrid allerdings nicht in Erinnerung bleiben.

Umso mehr aber die gute Lage des Hotels Agumar (wenn man müde genug ist, trotz Straßenlärms einzuschlafen, der nur zwischen 2 und 6 Uhr früh abgeschwächt ist), die vielen Grünflächen, die faszinierende Baummischung von, mir Wiener-Kind bekannten, Kastanien und Platanen mit hochgewachsenen Zedern und Palmen, die erneute Bewusstwerdung der intensiven, historischen Verbundenheit der Kaiser-/Königshäuser mitsamt Kunst und Kultur, die Gran Via, die auch ein bisschen an New York erinnert, der gläserne Palacio de Cristal im Parque de El Retiro (der wie die XXL-Version des Türkenschanzparks aussieht) und die schöne Fassade des Bahnhofes Atocha.
Madrid, bis zum nächsten Mal!

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Parque de El Retiro
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Museo del Prado

P.S.: Museen. Zweisprachige Beschilderungen der Ausstellungsstücke (in Spanisch UND Englisch) sind in den Museen in Madrid nicht unbedingt Usus. In Paris aber auch nicht. Den Besuch im Museo del Prado haben wir deshalb umso mehr genossen. Dort gab es durchwegs auch englische Infos. In anderen Museen sind oft einige ausgewählte (die jeweilige Sektion einleitende) Schilder auch in englischer Sprache. In vielen Museen sind Audioguides in verschiedenen Sprachen gegen Aufpreis erhältlich – macht Sinn für alle, die No entiendo sind.

Sicherheit. Bei jedem Museumseintritt, im Palacio Real, vor der Bahnfahrt nach Toledo und retour – jedes Mal wurden unsere Taschen durchleuchtet und wir mussten durch eine Sicherheitsschleuse. Das Gefühl von Sicherheit in diesen prominenten und stark frequentierten Plätzen hat man durchaus.

 

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