Die kürzeste Kolumne der Welt

Weniger reden. Mehr spüren.
Die kürzeste Kolumne der Welt wird von Veronika Fischer aus Wien geschrieben. Hier erzählt die Texterin, Journalistin und Bloggerin in kurzen Episoden, was das Leben so spielt.

Nachtrag zu den  Held:innen des 21. Jahrhunderts

31. August 2021

Irgendwo in mir gab oder gibt es etwas, das fest davon überzeugt war, sich dem entgegenstellen und beweisen zu können, dass es nicht nötig ist, sich selbst, die eigene Authentizität, die Privatsphäre, den Stachel einer eigenen Meinung zu opfern, um Erfolg zu haben.

Erfolg, darauf bin ich in den letzten Jahren gekommen, ist ein leerer Begriff, den wir erst mit Bedeutung füllen. Was ist Erfolg? Sind es Follower:innenzahlen? Ist es eine bestimmte Summe am Konto? Ist es mediale Aufmerksamkeit? Ist es Bekanntheit? Sind des Blogaufrufzahlen? Ist es die Zahl der Rückmeldungen? Ist es er Zuspruch? Ist es er Gegenwind? Ist es ein Gefühl?

Nach dreieinhalb Jahren mit dem Blog kann man mit stabilen Blogaufrufen, einer Platzierung unter den Top 25 Blogs in Österreich (gemessen an den Aufrufzahlen), namhaften Kooperationspartner:innen und der einen oder anderen Berichterstattung von einem gewissen Erfolg sprechen. Empfinde ich meinen Blog als Erfolgsgeschichte? Nein. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass mein Ziel, zu beweisen, dass man sich nicht aufgeben oder verkaufen muss, um Erfolg zu haben, nicht erreicht wurde. Schlichtweg deshalb, weil es niemanden interessiert. Ich mag es für mich bewiesen haben, aber die Message kommt bei den Adressat:innen, der Masse, nicht an.

Langer Rede kurzer Sinn: In dem BBC-Interview vom Oktober 2016 spricht der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis mit Jarvis Cocker über seinen Film „HyperNormalisation“. Du kannst das Interview auf YouTube anhören.

Bei zwischen Minute 9:10 und 10:17 sagt Adam Curtis etwas besonders Spannendes: „Der moderne Konsum wurde von der Me-Generation* gerettet, weil man plötzlich viele, viele verschiedene Dinge an viele, viele verschiedene Menschen verkaufen kann, die sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken möchten. Die Idee der Selbstdarstellung und des persönlichen Ausdrucks ist für die Macht des modernen Kapitalismus absolut zentral. Sie ist ihr Motor. (…) [Das bedeutet] egal wie radikal oder kraftvoll Deine Botschaft ist, die Tatsache, dass Du sie durch Selbstausdruck bzw. Selbstdarstellung kundtust, ist wiederum ein Nährstoff für die zugrundeliegende Ideologie des modernen Konsumkapitalismus. Denn der hängt von der ganzen Idee ab, dass Du ein sich selbst ausdrückendes Individuum bist.“

* Me-Generation: Eine Generation, bei der sich alles um die Entfaltung des Individuums dreht. Kurz gesagt: unserer Generation. Dein Auto oder Dein bewusster Auto-Nicht-Besitz, Deine Kleidung, Deine Haltung zu Fleischkonsum, Deine Art Urlaub zu machen … nichts davon ist frei von einer Botschaft, die Du nach außen (aber auch nach innen) sendest. Es geht um Selbstverwirklichung und persönlichen Ausdruck.

Adam Curtis sagt weiter: „Jemand sagte zu mir: Das Radikalste, was man heutzutage tun kann, ist, sich nicht selbst auszudrücken. Das Radikalste, was du tun kannst, ist, eines Morgens aus deinem Haus zu kommen, rechts abzubiegen und auf einer Linie, die du über eine Karte gezogen hast, quer durch Europa nach Aleppo zu laufen, dort anzukommen und es niemandem zu erzählen. Und kein Buch darüber zu schreiben.“

Im Großen und Ganzen geht es in dem Interview um die Unmöglichkeit, unsere Welt über das Internet, das uns so viele Freiheiten und neue Wege geschenkt hat, zu verändern. Aus dem ganz banalen Grund, dass das Internet immer nur aus der Vergangenheit (über uns) lernt, aber die Weiterentwicklung des Individuums nicht in seine Kalkulation, seine Algorithmen und die an uns verkauften „Realitäten“ einbezieht.

Die Idee, dass wir das System, gegen das wir uns stellen, mit unserer Gegenhaltung weiter nähren, wird sicherlich noch lange in mir nachhallen.

Die Held:innen des 21. Jahrhunderts

16. August 2021

Ich muss gestehen, dass es mir nicht eingeht. Die Popularität von Social-Media-Personas, die ihr Leben mehr oder weniger dokumentieren – natürlich mit dem Nachsatz, man dürfe nicht glauben, dass man hier als Zuseher:in die volle Story kenne und – und das ist selbstverständlich wesentlich – sich dadurch eine Meinung anmaßen dürfe.

Ich rede nicht von Promis – egal ob A-, B- oder C-Prominenz – sondern ganz normalen Menschen, die aber eben das Abnormale tun, indem sie vom Frühstücksmatcha bis zum Chin-chin am Abend die High- und Lowlights des Tages in Video- oder Bildform festhalten. Und teilen. Dazwischen wird über Kindererziehung auf Augenhöhe, Impfpflicht, Sportroutinen, Buchhaltungskram und nervige Nachbar:innen parliert. Man darf mit ins Fitnessstudio, zur Lasergesichtsbehandlung, zum Opi ins Altersheim. Bekommt Updates aus dem Krankenhaus, darf bei Live-Talks zwischen Durchschnittsperson A und Durchschnittsperson B zusehen, von denen man beiden nicht so wirklich weiß, was sie beruflich machen oder welche Ausbildung sie gemacht haben, die sie – ganz ohne Zweifel – zu Expert:innen auf dem Gebiet machen, über das sie mit ernst gerunzelter Stirn und wissend nickend fachsimpeln.

Fundiertes in Sachen Nachhaltigkeit, Haushaltsgeräte, Versicherungen und mehr gibt’s kostenlos dazu. Und wenn man nicht müde wird, den Satz „I am obsessed with … I literally wear them every day … I never take them off“ zu hören – wahlweise auch auf Deutsch – und sich nicht die Frage stellt, wie man gleichzeitig obsessed und dauerangezogen mit Jeans von XY, Kleid von YZ  und Bambussportgewand von ZZ sein kann, dann ist man dort definitiv richtig.

Das sind die Held:innen des 21. Jahrhunderts. Das sind die Vorbilder unserer Zeit. Wieso sonst wären wir bereit, die wenige Zeit, die wir haben, fürs Zuschauen zu ver(sch)wenden investieren?

Manchmal kann man auch einfach ein bisschen gusch* sein

6. August 2021

Ich fange immer wieder an zu schreiben und lösche es dann wieder. Manchmal muss man es auch einfach aushalten, Gedanken ungehört bleiben zu lassen. Das scheint ohnehin eine verlorene Kunst.

* gusch: Gusch sein bedeutet auf Wienerisch, den Mund zu halten. Meist als Aufforderung: „Geh bitte, sei gusch.“

© Veronika Fischer, www.vlikeveronika.com
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