Millennials und die Jahrtausendnarbe

Februar 2015

Fühlt ihr euch in diesem Jahrtausend angekommen? Wir sind schon 14 Jahre und 2 Monate hier – stellt Euch vor, WIE LANGE das ist: Teenager, die die 19-Hunderter maximal noch im Bauch ihrer Mütter erlebt haben, gehen sicher schon ins Bermuda-Dreieck. Wenn ihr an Michael Jacksons Tod denkt – wie lang ist der her? Zwei, drei Jahre? Nein, beinahe sechs! Die Fußball-WM in Deutschland? Bald neun Jahre vorbei. Der Tsunami im Indischen Ozean? 10 Jahre her. Der 11. September – heuer werden es 14 Jahre.

Kommt es euch nicht manchmal komisch vor, dass irgendwann mehr 2000er-Menschen herumlaufen werden, als solche, die noch ein 19XY in ihrem Geburtsdatum haben? Irgendwann wird dir einer seinen Sitzplatz in den Öffis anbieten, weil du einer aus dem alten Jahrhundert bist.

Als Kind hat mich das sich damals dem Ende zuneigende Jahrhundert fasziniert. Der Kaiser hatte seine Anfänge erlebt und ich seinen Abschluss. Jedes Jahrzehnt stand für etwas. Mein geistiges Auge sieht vor sich die Schlagwörter, Bilder, Videofetzen, die mein Kopf aus seinem von Film und Fernsehen gefütterten Speicher abruft: den Untergang der Titanic, das Ende der Monarchie, den Krieg und die 1. Republik, die Charleston tanzende Josephine Baker, die Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, ein unvorstellbar grausamer Krieg und Zerstörung, meine Oma, die in ihren Erzählungen das Grauen auferstehen und mich das schöne, kleine Mädchen mit den langen, dunklen Zöpfen inmitten des Schutts sehen lässt, die Atombombe, die 2. Republik, den Wiederaufbau, Hollywoodgrößen, Nachkriegsgeneration, Hornbrillen, die Frau am Herd, große Mode, JFK, Martin Luther King, Woodstock, Watergate, scheußliche Mode, Grace Kellys Unfall, Tschernobyl, Golfkrieg, Claudia Schiffer, meinen Opa im Lederfauteuil, dem Tennis spielenden Andre Agassi stumm zusehend, selbst-REC/PLAY-bespielte Kassetten, Floppy Discs, Balkankonflikt, das Einwählgeräusch der alten Modems, Dianas Tod, Y2K-Panik. Und dann wird alles still.

Obwohl der 31.12.1999 und der 1.1.2000 nur eine Sekunde von einander entfernt waren, gab es da ein Schnitt. Damals nicht so offensichtlich für mich, doch heute ist dort eine Narbe. Wenn man in Gedanken darüberstreicht, fühlt es sich holprig an. Es war wie das Durchtrennen einer Nabelschnur und von einem Moment auf den anderen stand ich plötzlich alleine in diesem dunklen, neuen Jahrtausend. Ich weiß, dass da vorher noch etwas war,  das mir ein wohliges, vertrautes Gefühl gab und nun bin ich losgelöst von hundert Jahren, von denen ich 83 % selbst nicht miterlebt habe. Schon gar nicht in mündigem Zustand!

Ich war im alten Jahrtausend nicht wahlberechtigt, hatte keinen Führerschein, war Schülerin – ein Kind, ein Teenager. Trotzdem fühle ich mich diesem alten Jahrhundert so viel verbundener als ich es mir vorstellen kann, je mit dem neuen zu sein. Vielleicht, weil ich davon noch so wenig kenne. Aber das wird auch nicht ewig so bleiben. In eineinhalb Jahren werde ich länger hier gelebt haben als drüben, in dieser dunkler werdenden Vergangenheit.

Wird es das, was ich von den 19-Hundertern kenne auch auf dieser Seite geben? Werden die 2000er-Kinder auch von den 30er-Jahren sprechen und dann ihre eigenen – die 2030er-Jahre – meinen? In meinem Herzen, aber auch in meinem Kopf, kann ich dem noch nicht ausreichend Platz einräumen.

Wofür werden die neuen 30er stehen? Wofür stehen denn die ersten 14 Jahre? 9/11, Irakkrieg, den Tod von Johannes Paul II. – dem einzigen Papst, den ich bis dahin erlebt hatte -, das Zerplatzen einer Blase, den ersten afroamerikanischen Präsidenten? So viel ist sicher: Sie bedeuten euch etwas anderes als mir. Ich glaube nicht, dass es diesbezüglich ein kollektives Verständnis, einen Konsens, den man gefunden hat, gibt.

Vielleicht fühlt sich das 20. Jahrhundert auch nur so vertraut an, weil die Menschheit es durch die zeitliche Distanz vermag, Jahrzehnten ein Etikett umzuhängen – so wie wir das aus TV-Serien und den Schildern, die Tote um den großen Zeh gehängt bekommen, kennen. Da steht dann auch nicht drauf, dass das ein großartiger Vater war, der hier vor uns liegt, der schwer gearbeitet und aufopfernd geliebt hat. Der Tote steht für das erste 2000er-Jahrzehnt. Sollte ich jetzt ein Label schreiben müssen, hätte ich das Bedürfnis, eine lange Krankengeschichte zu verfassen. Die Ereignisse sind zu vielschichtig, um sie in wenigen Worten abhandeln zu können. Aber mit der Distanz kommen die einfach entschlüsselbaren Tags. Nähe macht betriebsblind. Nähe macht wehmütig. In 30 Jahren notiere ich: “Meine Twens. Beim Haarefärben mehrfach in den Gatsch gegriffen. Jung und dumm, aber auch schlau und neugierig, deshalb viel erlebt.” Oder so ähnlich.

 

Titelbild: pixabay | 5595395

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